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Engel – unterwegs im Auftrag Gottes

19. November 2010

Bibeltexte:

1. Mose 18,1-8; Lukas 1,26-33.38

Glaubst du, dass es Engel gibt?

Glaubst du, dass es Engel gibt? Bist du schon einmal einem begegnet? Haben Engel eine Bedeutung für dein Leben? Und wie sehen sie aus? Auf diese Fragen haben Jugendliche und Erwachsene an einem kirchlichen Treffen folgende Antworten gegeben:

  • Engel sind irgendwie übernatürlich. Ich stelle mir Engel menschenähnlich vor, aber vielleicht leuchtend. Sie beschützen uns im Alltag. Gesehen habe ich aber noch keinen.
  • Ein Teenie:Klar kenne ich Engel, Weihnachtsengel. Im Kaufhaus, da stehen sie manchmal und verteilen Bonbons. Wie Engel aussehen? Schöne Pausbäckchen, blonde Locken, Flügel, weisses Kleid, vielleicht mit Blume im Haar. Es gibt Engel, weil der liebe Gott nicht die Zeit hat, überall selbst hinzufliegen – vielleicht deshalb.
  • Mit Engelsvisionen kann ich mich nicht so anfreunden. Ich glaube aber, dass Gott auf mich aufpasst, wohl doch in Form von Engeln.
  • Ich glaube an Engel, aber ich bin mir nicht bewusst, dass sie eine Bedeutung für meinen Glauben haben.
  • Ich weiss nicht, ob es Engel gibt. Ich könnte es mir gut vorstellen und es wäre nett. Ich stelle mir Engel in ganz unterschiedlichen Bildern vor: mit Flügeln, oder dann als ganz normaler Mensch, von dem man denkt, es sei etwas Besonderes an ihm, aber weiss nicht genau, was. Und hinterher denkt man, das ist ein von Gott geschicktes Wesen.
  • Ich glaube, dass ich ganz bestimmt schon Engeln begegnet bin, ohne es zu merken.

Das Antworten von Christen. Und was denken und glauben Nichtchristen? Mehr, als man meint, rechnen mit übernatürlichen Wesen, geistigen Kräfte, mit Engel. Sie spüren, da gibt es irgendwie noch mehr als das, was wir sehen und anlangen können, eine jenseitige Welt, und Engel sind wie ein Fenster in diese andere Welt. Besonders in esoterischen Strömungen kommen sie ja in vielen Formen vor.

Dass Engel „in“ sind, sehen wir auch in der Kunst (Chagall: Abraham), und überhaupt im Alltag: in der Alltagssprache begegnen wir ihnen (‚Da hast du aber ein Schutzengel gehabt‘), in der Werbung („Auch ein Schutzengel macht mal Pause. Die Provinzial ist 24 Stunden für sie da.“), in Musik und Filmen („Stadt der Engel“), in der Literatur, jetzt natürlich wieder in den Schaufenstern… Nur, mit den biblischen Engeln haben diese „Figuren“ meistens wenig zu tun. Am auffälligsten ist, ihre Verbindung zu Gott, der sie ja sendet, ist kaum mehr erkennbar.

Aber, ganz unabhängig davon, wie sie im Alltag dargestellt oder in der Kirche verstanden werden, Tatsache ist: Menschen erleben Engel, machen Erfahrungen mit ihnen – das kann niemand bestreiten, unzählige Berichte erzählen darüber. Was sind das für Engel? Gottes Engel oder andere? Wie kann man solche Erfahrungen einordnen? Gibt es ein Massstab?

Wenn wir in die Bibel schauen, fallen zwei Dinge auf. Einmal, Engel spielen in der Bibel eindeutig eine Nebenrolle – sie begegnen nur ca. 200-mal. Aber, und das ist das andere, wenn sie begegnen, begegnen sie an ganz entscheidenden Stellen der Geschichte Gottes mit der Welt. Z. B. bei der Berufung Moses im Dornbusch, am Anfang der Landnahme des Volkes Israel, bei der Geburt Jesu, vor und am Ende seines Wirkens, am leeren Grab… Das bedeutet: Gott greift auch durch Engel in die Geschichte der Welt ein. Sie helfen ihm, die Welt an sein Ziel zu führen. Und es bedeutet umgekehrt: Wo Engel erscheinen, geht es aus der Sicht der Bibel immer um Gott und seine Geschichte mit der Welt, um Gottes Handeln. Und das hat seinen Höhepunkt im Leben, Tod und in der Auferweckung Jesus Christi.

Was sind Engel eigentlich?

Dazu macht die Bibel keine eindeutigen Aussagen. Sie sagt nicht, woher sie kommen, beschreibt auch ihr Wesen nicht, und auch nicht, wie sie aussehen. Sie macht höchstens vorsichtige Andeutungen. Entsprechend wenig können wir darüber wissen. Was wir nach Hebräer 1,14 sagen können, ist, dass Engel Geistwesen sind, die im Dienst Gottes stehen. Wesen, die unmittelbaren Zutritt zur unsichtbaren Welt und zu Gott haben. Gleichzeitig können sie, wenn es ihr Auftrag nötig macht, eine leibhaftige Gestalt annehmen und in die sichtbare Welt eintreten – nicht nur als eine Engelserscheinung, sondern durchaus sehr körperlich. Denken wir z. B. an die 3 Männer, die Abraham und Sara besuchten und bei ihnen assen.

Aber nicht das verbindet die Engel mit uns, sondern dass sie wie wir Geschöpfe Gottes sind – auch wenn die Bibel nirgends ausdrücklich ihre Erschaffung erzählt. Geschöpfe, geschaffen wie wir nach seinem Bild, geschaffen für die Beziehung, für das Zusammenleben mit ihm. Geschöpfe, keine autonomen Wesen neben Gott, keine kleinen Götter mit göttlichen Kräften losgelöst von ihm. Darum kennt die Bibel keinen Glauben an die Engel, wie es den Glauben an Jesus Christus gibt. Sie sollen auch nicht angebetet werden. Nicht sie, sondern allein Gott soll angebetet werden! Am Schluss des Buches Offenbarung lesen wir, wie Johannes überwältigt von allem, was er gesehen und gehört hatte, vor dem Engel auf die Knie ging und ihn anbeten wollte. Aber dieser sagt zu ihm: „Tu das nicht! Ich bin Gottes Diener wie du und deine Brüder, die Propheten, und wie alle, die sich nach der Botschaft dieses Buches richten. Bete vielmehr Gott an!“ (Offenbarung 22,9) Das tat ja auch Maria, nachdem der Engel Gabriel ihr die Geburt Jesu angekündigt hat: „Von ganzem Herzen preise ich den Herrn und mein Geist jubelt vor Freude über Gott, meinen Retter. Denn er hat mich, seine Dienerin, gnädig angesehen, eine geringe und unbedeutende Frau“ (Lukas 1,46ff). Gott allein soll angebetet werden.

Welche Aufgaben haben Engel?

Deutlich mehr kann man zu dieser Frage sagen, weil auch die Bibel mehr dazu sagt. Wichtig ist nicht so sehr, was Engel sind, sondern was sie tun, was ihre Aufgaben sind. Denn sie sind Boten, von Gott Beauftragte, in seinem Dienst für die Welt, für uns Menschen. Was also tun sie?

Engel sagen die gute Botschaft von Gott weiter

Die Botschaft der Engel ist die Weihnachtsbotschaft: „Fürchtet euch nicht! Euch ist heute der Heiland geboren: Christus, der Herr“ (Lukas 2,10f), und die Osterbotschaft: „Fürchtet euch nicht! Ich weiss, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. Er ist nicht hier; er ist auferstanden“ (Matthäus 28,5f). Die Engel verkünden die gute Nachricht, sie verkünden: Gott ist euch nah. Sie bezeugen: In Jesus Christus ist er euch ganz nahe gekommen.

D. h. Engelsbotschaften, Engelserscheinungen, die in eine andere Richtung gehen, die Jesus Christus übergehen, ihn als Herr nicht ernst nehmen, die ewiges Leben an ihm vorbei versprechen, widersprechen Gottes guter Geschichte mit der Welt und kommen nicht von ihm. Anders all die Botschaften, die ermutigen, Christus zu suchen, Erscheinungen, die in die Arme Gottes führen, in seine Nähe und Gegenwart.

Dazu ein Beispiel aus dem Büchlein ‚Wie Engel begleiten‘ von P. Schulthess, Pfr. in Pfäffikon ZH: Eine etwas über 80-jährige Frau hat in Disentis die Mariagrotte besucht. Dort las sie die vielen Dankeskärtchen für erlebte Hilfe. Eine Mariastatue war aufgestellt, um sie zu verehren. „Ich war beeindruckt und staunte über all das, was Maria Gutes getan hatte. Ich kniete hin und sagte: ‚Maria, ich muss mich entschuldigen, dass ich dich nicht ge¬kannt habe.‘ Als ich mich vom Gebet erhob, sah ich links vom Eingang eine Lichtgestalt in Lebensgrösse. Ich erschrak nicht, denn ein tiefer Friede ging von dieser Ge¬stalt aus. Ich ging zum Ausgang. Die Gestalt begleitete mich. Wir gingen gemeinsam langsam die Treppe hinunter. Immer spürte ich die Gestalt neben mir. Ich glaubte, dass es ein Engel sei. Ich wollte ihn mir anschauen, aber mein Kopf wurde wie gehalten, so dass ich nicht zur Seite blicken konnte. Am Ende der Treppe stand ein Kreuz mit Jesus. Die Lichtgestalt führte mich direkt bis vors Kreuz. Dann verschwand sie. Für mich war die Botschaft klar: ‚An den musst du glauben. Ihn musst du anbeten‘.“ (nach Schulthess, P.: Wie Engel begleiten, 140f)

Engel sagen die gute Botschaft von Gott weiter.

Engel begleiten und beschützen

Im Psalm 91,11f heisst es: „Gott hat seinen Engeln befohlen, dich zu beschützen, wohin du auch gehst. Sie werden dich auf Händen tragen, damit du nicht über Steine stolperst.“ Und Jesus sagte einmal: „Hütet euch davor, einen dieser kleinen, unbedeutenden Menschen überheblich zu behandeln. Denn ich versichere euch: Ihre Engel haben immer Zugang zu meinem Vater im Himmel!“ (Matthäus 18,10f) Engel begleiten und schützen uns an Leib und Seele. Wir haben Schutzengel, sagt die Bibel an mehreren Stellen (2. Mose 23,20; Daniel 6,23; Apostelgeschichte 12,7).

Aber auch hier gilt: Sie tun es im Auftrag und in der Kraft des Schöpfers dieser Welt. Er schenkt und erhält das Leben. Und er sucht Gemeinschaft mit uns. Darum ist ‚Schutzengelglaube‘ immer Glaube an Gott und sein bewahrendes, fürsorgliche Handeln.

Das erlebte eindrücklich eine Bauersfrau. Sie war am Ende ihrer Kräfte und sah kei¬nen Sinn mehr im Leben. Es schien ihr, dass ihre Gebete um neuen Lebensmut ungehört an der Decke abprallten. Sie war von Gott enttäuscht und konnte ihm nicht mehr vertrauen. In dieser ver¬zweifelten Situation beschloss sie, ihrem Leben bei näch¬ster Gelegenheit ein Ende zu setzen. An einem Tag muss sie auf den Estrich. Als sie wieder hinunter will, verliert sie das Gleichgewicht. Weil die Treppe kein Geländer hat, kann sich nirgends festhalten. Sie sieht schon, wie sie unten auf dem Steinboden aufschlägt. Aber unerwartet kommt von unten etwas wie eine unsichtbare Hand und hält sie fest, so dass sie nicht hinunterstürzt. Das ist für sie wie ein Weckruf. Ihr schiesst ein Liedvers durch den Kopf. Der heisst: „Vertraut den neuen Wegen und wandert in die Zeit. Gott will, dass ihr ein Segen für seine Erde seid. Der uns in frühen Zeiten, das Leben eingehaucht, der wird uns dahin lei¬ten, wo er uns will und braucht.“ Dieser Liedvers wurde für sie zum Lebensmotto. Sie sah wieder, worum es eigentlich im Leben geht: für Mensch und Tier, für Natur und Erde zum Segen werden, genau wie die Engel. Dass Gott sie will und braucht, darüber konnte sie nur staunen. So fand sie neues Vertrauen in die Fürsorge Gottes (nach Schulthess, P., 34f).

Engel begleiten und beschützen.

Engel trösten und ermutigen

Einmal erzählte Jesus, wie ein Engel den armen Lazarus, nachdem er gestorben war, in den Himmel trug (Lukas 16,22). Christus ist durch seine Engel bei uns, auch wenn unser Leben langsam dem Ende entgegen geht, unsere Lebenskraft abnimmt und erst recht auf dem Sterbebett, wenn das letzte Wegstück vor uns liegt. Das ist sehr ermutigend und tröstlich – nicht nur für die Sterbenden, sondern auch für die, die zurückbleiben, wie das folgende Erlebnis bestätigt:

„Eine Frau erwachte aus einem Traum. Aus dem Traum nahm sie einen Satz mit: ‚Deine Mutter wird vorbereitet.‘ Sie ahnte, was dies bedeuten könnte. Sie nahm sich viel Zeit, um an der Seite ihrer Mutter zu sein. Oft sprachen die beiden über den Tod, über Ängste, über die Schwierigkeit loszulassen und auch über Schuld und Versagen und darüber, wie es denn sein werde, wenn man stirbt. In grossem Vertrauen meinte die Tochter ihrer Mutter gegenüber, dass bestimmt Gott jemanden schicken würde, um sie abzuholen. ‚Ist das dann ein Engel?‘ fragte die Sterbende hoffnungsvoll. Die Tochter meinte schmunzelnd: ‚Vielleicht zieht er dir zuliebe Flügel an‘, wo¬rauf beide herzhaft lachen mussten. Dann starb die Mutter. Und während die Tochter leise ein altes Lied sang, fühlte sie plötzlich, wie ein riesiger Flügel über ihren Rü-cken strich. ‚Ich spürte jede Feder. Nun wusste ich, dass der Engel da war, um meine Mutter zu begleiten: ein Bote der Liebe Gottes, dem sie vertrauensvoll das Herz öffnen konnte‘“ (nach Schulthess, P., 120f).

Zu so einem Gottesdienst, in dem Gott angebetet und gelobt wird, möchten sie auch uns anleiten (Beispiel oben). Warum? Weil da in unserem Leben und Glauben etwas Entscheidendes geschieht. Im Gottesdienst, in der Anbetung, geschieht eine klare Ausrichtung, Ausrichtung auf Gott. Die Gedanken werden gebündelt, die Sicht, die der Alltag so oft mit seinem Lärm und seinen Eindrücken vernebelt, wird wieder klarer. Martin Luther übersetzt die Stelle, in der von der Erscheinung des Engels bei den Hirten berichtet wird, so: „Der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie“ (Lukas 2,9). In der Ausrichtung auf Gott, die Mitte des Lebens, wird uns Klarheit geschenkt. Die Dinge werden wieder ins rechte Licht gerückt. In der Anbetung, in der Ausrichtung auf Gott geschieht also ganz praktische Lebenshilfe – auch das eine Folge des Dienstes der Engel. Sie helfen uns, uns auf Gott auszurichten.

Schluss

Wir haben in dieser Predigt gefragt, ob es einen Massstab gibt, der uns hilft, Engelerlebnisse einzuordnen. Ich glaube, eines ist deutlich geworden: Die Engel, von denen die Bibel redet – in welcher Funktion auch immer –, stehen ganz und ausschliesslich im Dienst Gottes. In seinem Auftrag sind sie unterwegs, und von sich weg auf ihn hin weisen sie, damit Gott in Jesus Christus gross wird: „Sie singen: ,Würdig ist das Lamm, das geopfert wurde, Macht und Reichtum zu empfangen, Weisheit und Stärke, Ehre, Ruhm und Anbetung!‘ Und alle Geschöpfe im Himmel, auf der Erde, unter der Erde und im Meer – alle Geschöpfe im ganzen Universum – hörte ich mit einstimmen und rufen: ‚Anbetung, Ehre, Ruhm und Macht für immer und ewig dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm!‘“ (Offenbarung 5,12f) Amen.

19. November 2010 / Pfr. Stefan Zürcher