Evangelisch methodistische Kirche Rüti - Wald - Hombrechtikon
Wie wird man Christ?
25. Juli/1. August 2010
Bibeltexte:
5. Mose 7,6-8; Lukas 15,1-7
Predigttext:
Johannes 15,16a
Jesus Christus sagt: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt“.
Das Christwerden fängt irgendwann an
Vor 14 Tagen haben wir vom „guten Ausgang“ unseres Lebens gesprochen. „Wie kommt man in den Himmel?“ war das Thema. Wie geht unser Leben gut aus? war die Frage. Heute reden wir vom „guten Anfang“. Wie fängt eigentlich der Glaube an? Wie beginnt das Christsein? Wie wird man Christ?
Um es gleich vor weg zu sagen: Es geht beim Christsein nicht um einen Anfang, den man ein für alle Mal hinter sich hat. Denn unsere Geschichte mit Gott und Gottes Geschichte mit uns fängt jeden Tag neu an, wenn sie eine lebendige Geschichte ist und nicht christliche Routine. Ein lebendiger Glaube gleicht einer guten Partnerschaft. Jede gute Ehe lebt vom täglichen Neuanfang: Da haben sich zwei Menschen gefunden, und gerade deshalb, weil sie sich gefunden haben, suchen sie einander immer wieder neu. Zwei, die sich lieben, sind nie miteinander fertig. Die Liebe fängt immer wieder neu an. Im Glauben ist das auch so. „Ein Christ ist immer im Werden“, hat Martin Luther einmal gesagt. Christsein fängt jeden Tag neu an. Das Christwerden hat man nicht irgendwann hinter sich. Allerdings, so wie eine Ehe irgendwann einen zeitlichen Anfang hat, so gibt es auch einen Anfang des Christwerdens. Irgendwann beginnt dieses Werden. Irgendwann beginnt dieser Weg.
Wie fängt das Christwerden an? Mit was fängt das Christsein an? Ich will euch eine Geschichte von einem „guten Anfang“ erzählen, ein modernes Märchen. Vielleicht hilft es uns bei der Antwort auf diese Frage.
Das Märchen vom guten Anfang
Es war einmal ein Kind. Es lebt in einem Waisenhaus. Seine Eltern kennt es nicht. „Vollwaise“, steht in seinen Unterlagen. Das ist sein Stand. Den kann das Kind aus eigener Kraft nicht ändern, auch nicht durch Anstand, durch gutes Benehmen. So ist es halt. Hin und wieder träumt das Kind von Eltern und Geschwistern, versucht sich vorzustellen, wie sie aussehen, redet sich ein, dass Vater und Mutter vielleicht doch noch leben.
Gegenüber dem Waisenhaus liegt ein Berg. Jeden Tag sieht das Kind das wunderschöne Schloss darauf. Oft klettert es in seiner Phantasie über die Mauer vom Waisenhaus, schleicht zum Schloss hinauf, durchwandert die langen Gänge und großen Räume, atmet die Freiheit und Weite des Schlosses – und weiß doch: Nie werde ich dahin kommen, nie dort leben können. Mehr als der große Schlafraum des Waisenhauses und seine hohe Mauer bleiben mir nicht. Beim Spielen mit den anderen Kindern stellt sich das Kind manchmal vor, es sei ein Königskind, das in diesem herrlichen Schloss lebt, königliche Freiheiten genießt und an einem festlichen Buffet verwöhnt wird. Es wäre gern so ein Königskind, auf das ein reiches Erbe wartet. Aber ganz egal was es sich vorstellt – es ist und bleibt, was es ist: ein Kind ohne Eltern.
Da, eines Tages, taucht ein Fremder im Waisenhaus auf. Er kommt auf das Kind zu, schaut es freundlich an, gibt ihm die Hand, so als würden sie sich schon lange kennen. „Du hast ab heute ein neues Zuhause", sagt der Fremde. Das Kind versteht nicht. „Du bist kein Waisenkind mehr". Das Kind begreift immer noch nicht. „Siehst du das Schloss dort drüben auf dem Berg?", fragt der Fremde. Das Kind nickt. „Das ist dein neues Zuhause. Ich wohne dort. Und du darfst jetzt auch dort wohnen. Ich bin der König und habe dich auserwählt, mit mir zu leben. Du bist kein Waisenkind mehr. Du bist ab heute mein Kind, ein Königskind. Willst du?"
Das Kind traut seinen Ohren nicht. Ein Königskind? Es sieht auf seine kaputten, vom Spielen verstaubten Kleider. Nichts Königliches ist da zu sehen. Es kennt keine königlichen Manieren, spricht die Sprache nicht, die man im Schloss spricht. Es ist ein Kind aus dem Heim. Es weiß nicht, wie man sich am Hof bewegt. Und doch: es ist bereits ein Königskind. Plötzlich, unerwartet hat sich seine Situation verändert – von außen, ohne sein Zutun. Das Kind hat nichts gemacht. Es ist etwas mit ihm geschehen. Es ist in einen neuen Stand versetzt worden.
Sicher, viel, sehr viel Zeit wird vergehen, bis sich das Kind in sein neues Leben eingelebt hat, bis es sein Waisenkind-Gefühl verliert, den Umgang mit seiner neuen Freiheit lernt, die Sitten und Gebräuche im Schloss versteht und eine innere Beziehung zum König gewinnt, der es adoptiert und so zu seinem Kind und Erben gemacht hat. Aber der König lässt dem Kind viel Zeit dazu. Er zeigt ihm die Schönheiten, die es im Schloss zu entdecken gibt, und die Freiheiten, die es nun als Königskind hat. Und immer, wenn das Kind wieder zurückfällt in sein trostloses Waisenhauskind-Gefühl, dann erinnert es der König liebevoll an seinen neuen Stand: „Vergiss nicht, du bist kein Waisenkind mehr. Du bist jetzt ein Königskind!" Ganz langsam, ‚nah dis nah‘ wird das Kind so zu dem, was es durch die Entscheidung des Königs schon längst ist: zu seinem Kind und zum Erben seines Reiches.
Von Gott zum Königskind erwählt
Nur ein Märchen? Ja, und trotzdem eine wahre Geschichte. Das Kind vom Waisenhaus wird zu einem Königskind, indem mit ihm und an ihm etwas geschieht, was es selbst nicht machen kann.
Betrachtet dieses Bild. Man sieht den gekreuzigten Jesus – in der Sprache der Bibel: den Sohn Gottes, den eigentlichen „Erben des Königs“. Aber er will sein Erbe nicht für sich behalten. Darum hat er sein „himmlisches Schloss“ verlassen, um ins Waisenhaus dieser Welt zu kommen. Er beugt sich herab vom Kreuz, streckt seine Hand aus, um sie den Armen und Waisenkindern dieser Erde, die sich nach Leben, nach einem guten Ausgang sehnen, zu geben. Er spricht ihnen zu, was sie sich selbst nicht sagen können.
Im Neuen Testament lesen wir einen Satz, den Jesus zu denen sagt, die fragen, wie sie mit Gott, mit dem Christsein anfangen können: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt“. Kein Märchen – dieser Satz ist wahr! Und er gilt uns allen. Es ist etwas geschehen mit uns, mit dir und mit mir. Etwas, das uns nie von allein in den Sinn gekommen wäre. Da hat Gott in Jesus eine königliche Entscheidung gefällt, eine Wahl getroffen, ohne dass wir davon wussten.
Im April haben wir unsere Gemeindebehörden gewählt. Ihr habt die Namen jener Kandidaten, die ihr wählen wolltet, auf euren Wahlzettel geschrieben. Gott hat auch gewählt. Er hat in Jesus deinen Namen auf seinen Wahlzettel geschrieben. In seiner leidenschaftlichen Liebe hat er ein Auge auf dich geworfen, schon lange bevor du überhaupt davon wusstest, und als du noch in eine ganz andere Richtung geschaut hast. Gott brennt darauf, mit dir zusammen zu sein. Er hat dich und mich und uns alle gewählt. Er sucht uns, bevor wir ihn zu suchen anfangen. Er findet uns, während wir noch Ausschau halten nach ihm. Er hat sich für uns entschieden, unwiderruflich für uns entschieden, ohne unsere Entscheidung abzuwarten. Er sagt uns, wie er über uns denkt, noch bevor wir das erste Mal an ihn denken. Er fragt nicht, wofür wir ihn halten; er erklärt uns, wofür er uns hält: für seine erwählten Töchter und Söhne. Er sagt zu uns Waisenkindern dieser Weltgeschichte: ‚Ich habe euch erwählt. Ihr seid dazu berufen, meine geliebten Töchter und Söhne zu sein. Denkt nicht zu gering von euch! Ihr seid nicht hier wie ein Stück Treibholz, das zufällig irgendwo ans Ufer gespült wurde. Ihr seid königliche Menschen, Erben meines Reiches, von mir, eurem Gott, zu Grossem auserwählt.‘ Nicht wir haben Gott erwählt, das wäre uns misstrauischen Menschen nicht einmal im Traum in den Sinn gekommen. Nein, er hat uns erwählt.
Hast du gewusst, dass du eine Erwählte, ein Erwählter Gottes bist? Du bist berufen, sein Kind zu sein: zur königlichen Freiheit einer Tochter, eines Sohnes Gottes! Du brauchst dich nicht mit der Enge des Waisenhaushofes begnügen. Du darfst die Weite von Gottes Reich, von Gottes Neuer Welt entdecken. Vielleicht wird dir jetzt bewusst: Es geht im Christsein wirklich nicht um ein bisschen mehr Anstand. Es geht um einen ganz neuen Stand, in den Gott uns versetzt. Wir haben, wie das Waisenkind in der Geschichte, nichts dazu getan. Gott ist uns zuvor gekommen. Und das Schöne dabei ist: Er lässt uns viel Zeit, dem nachzukommen. Er gibt uns Zeit, langsam seiner Wahl zu entsprechen, uns mehr und mehr einzuleben in unsere königliche Berufung, in die Freiheit des Glaubens, in die Spielregeln von Gottes Reich. Gott ist uns zuvorgekommen. Dieses Zuvorkommen ist der Grund unseres Christseins, ist der Anfang unseres Christseins. Dass Gott uns gnädig zuvorkommt, davon leben wir Christen.
Vielleicht tönt dies für die einen unter uns ungewohnt, aber: Gott setzt den Anfang unseres Christwerdens. Gott kommt uns zuvor – wir dürfen nachkommen. Das ist die Reihenfolge des Christwerdens. Durch Gottes Erwählung sind wir schon, was wir werden dürfen. Wir sind es schon! Christwerden meint darum, immer mehr das werden, was wir durch Gottes Wahl bereits sind – seine geliebten Söhne und Töchter. „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt“.
Die Wahl annehmen
Was wir bisher besprochen haben, könnte man so zusammenfassen: Christwerden heisst nicht, tun, was Gott gefällt, sondern geschehen lassen, was Gott tut – Christwerden – geschehen lassen, was Gott tut. Eben, es geht nicht um mehr Anstand, sondern um einen neuen Stand, in den Gott uns versetzt. Davon, was Gott tut, haben wir ausführlich gesprochen. Aber was ist unser Teil? – Es an uns geschehen lassen. Christwerden heisst: Gott hat uns erwählt, wir nehmen seine Wahl an. Gott kommt uns zuvor, wir kommen ihm nach. Ihm nachkommen, das ist unser Teil, unsere Antwort. Ohne diese wird niemand Christ. Christ ist, wer Gottes Wahl angenommen hat. Christ ist, wer Gottes Hand, die er uns entgegenstreckt, ergreift, sich von ihm ins Schloss mitnehmen lässt und dieses neue Leben mit ihm lebt. Ohne das geht es nicht.
Vielleicht spürst du in diesen Augenblicken, dass Gott dich meint. Vielleicht weisst du jetzt einfach, dass er dich, genau dich ruft. Vielleicht siehst du Gottes Wahlzettel mit deinem Namen vor dir. Und die Frage stellt sich dir: Nehme ich seine Wahl an? Sage ich Ja dazu, sein Königskind zu sein? Komme ich ihm, der mir zuvorkommt, nach?
Möglicherweise zögerst du. Du ahnst, dass es um eine Entscheidung mit weitreichenden Folgen, um eine Lebensentscheidung geht. Um die Entscheidung, ob der auferstandene Christus in deinem Leben mitreden, ob er von jetzt an dein Denken, Planen, Handeln mitbestimmen darf; um die Entscheidung, ihm zu erlauben, mit seinem Zuspruch und Anspruch deine Beziehungen, deine Arbeit, dein Privatleben zu prägen. Es wäre die Entscheidung umzukehren – Christwerden ist eine Lebenswende, wo es darum geht, sich vom bisherigen Weg ohne Gott abzuwenden und sich dem Weg mit Gott zuzuwenden. Es gilt, ungutes Altes hinter sich zu lassen und sich dem Guten zuzuwenden.
Christwerden heisst, die Unabhängigkeit von Gott aufgeben und sich von ihm abhängig machen, was im ersten Moment nach Verlust von Freiheit, nach Fremdbestimmung aussieht, was wir nicht gern haben. Allerdings, die erstaunliche Erfahrung der Christen ist, dass uns gerade die Abhängigkeit von Gott frei macht. Sie befreit aus dem Waisenhaus. Sie befreit von Bindungen und Mauern, die unseren Lebensraum einengen. Wer die Wahl Gottes annimmt und Jesus Christus in sein Leben hineinlässt, erfährt: Dieser Gast nimmt nicht Platz weg, sondern schafft Raum zum Leben. Wer Gott erlaubt, sich in seinem Leben zu entfalten, dessen Leben wird weit und nicht eng. Also keine Angst davor, Gottes Wahl anzunehmen, Gottes Hand zu ergreifen, sich auf dieses neue Leben mit Gott einzulassen, ihn mitreden und mitbestimmen zu lassen, ihn die bestimmende Mitte deines Lebens sein zu lassen.
Noch einmal, vielleicht spürst du ganz deutlich: ‚Ich bin gemeint. Mir streckt Gott heute Morgen seine Hand entgegen, damit ich sie neu oder wieder – auch das ist möglich –, damit ich sie neu oder wieder ergreife.‘ Wenn du das möchtest, schlage ich dir einen konkreten Schritt vor, den du gehen kannst: eine Einstiegs- oder Wiedereinstiegshilfe. Es ist ein Gebet als Hilfe, seine Hand zu ergreifen. In diesem Gebet kannst du dein „kleines Amen“ auf das „grosse Ja“ Gottes zu dir sagen.
Ich weiß noch, wie ich vor mehr als 20 Jahren meiner Frau zum ersten Mal auf einem ‚Bänkli‘ an der Aare sagte, dass ich sie gern habe. Ich war schon eine ganze Zeit in sie verliebt und wusste: Ich will zu ihr gehören. Irgendwann spürte ich: Ich muss, ich möchte es ihr sagen. Sie soll hören, dass ich sie gern habe und mit ihr leben möchte. Ich habe gestammelt (‚gstaggelet‘) damals. Aber nachher war ich ganz erleichtert und v. a. riesig glücklich, weil ich wusste: Das musste „raus"!
Das kleine Gebet, das ich euch jetzt zeige, ist wie eine Liebeserklärung Gott gegenüber. Ihr könnt eine solche Liebeserklärung an Gott na¬türlich auch mit eigenen Worten formulieren. Aber wenn euch die Worte dazu im Augenblick fehlen, dann dürft ihr die Worte dieses Gebetes gern nehmen und sie zu euren Worten machen:
Mein Gott,
ich habe deine Stimme mitten in den vielen Stimmen, die mich umgeben, gehört.
Lange bin ich dir aus dem Weg gegangen.
Aber nun hast du meinen Weg gekreuzt.
In Jesus läufst du mir mit offenen Armen entgegen.
Ich danke dir dafür und freue mich darüber.
Ich will dir nicht länger misstrauisch den Rücken zukehren.
Ich vertraue mich dir an.
Herr Jesus Christus,
vor dir gestehe ich ein, was mich an Versagen und Versäumnis bedrückt.
Ich bitte dich: Vergib mir meine Schuld und sprich mich frei von Belastendem aus der Vergangenheit.
Ich wende mich ab von allem Unguten.
Du beschenkst mich mit Gottes
unverdienter Güte.
Dieses Geschenk nehme ich im Glauben dankbar an.
Du sagst bedingungslos Ja zu mir.
Darauf sage ich jetzt Ja zu dir.
Erfülle mich mit deinem Geist.
Stärke meinen Glauben.
Halt mich fest, wenn mein Vertrauen zu dir schwach wird.
Zeig mir Orte und Gelegenheiten, an denen ich dir dienen kann.
Denn ich will ganz für dich da sein und für die Menschen, die mich brauchen.
Mein Gott, lieber Vater im Himmel,
lass mich nicht mehr aus deiner Hand fallen.
Ich möchte zu dir gehören und bei dir bleiben im Leben und im Sterben.