Wenn der Himmel zur Erde kommt
Für viele Menschen – auch für manche Christen – ist das eine unglaubliche Geschichte. Sie können nicht glauben, dass ihnen der Himmel einfach so entgegengestreckt wird. Sie sind getrimmt auf den Gedanken, sich den Himmel verdienen zu müssen. Gratis? Es gibt doch nichts gratis im Leben. Man muss sich doch alles verdienen. Von nichts kommt nichts. Wieso sollte das ausgerechnet in Sachen Himmel anders sein? In einem Lied heisst es: „Mein liebes Kind, du musst eine Leiter bauen, und ihre Spitze muss in den Himmel schauen. Nach jeder guten Tat kommt die nächste Sprosse – lass keine aus! Dann sagt am Ende deiner Leiter Sankt Petrus: Hier bist du zu Haus“ (Bruce Low).
Viele verstehen den Weg zum Himmel als religiöse Kletterpartie, als Schweiss treibender, religiöser Vita-Parcour. Manche sehen auch das Christsein als so ein Weg – als mühsame, anstrengende Klettertour: durch fromme Leistung zum ewigen Leben – natürlich mit Gottes Hilfe: ‚Und du, lieber Gott, gib mir bitte die nötige Kraft, damit ich Sprosse um Sprosse – hoffentlich bis zuoberst – schaffe.‘
Was sind Leitersprossen, auf denen wir versuchen, in den Himmel zu klettern? ‚Anständig leben‘, ist eine. Hört euch einmal um, was man sich so landläufig unter Christsein vorstellt! Christsein bedeutet für viele, dass man anständig lebt und sich möglichst nichts zu Schulden kommen lässt. „Tue recht und scheue niemand!“ Wer dabei so halbwegs ordentlich durchgekommen ist, der kann hoffen, dass Petrus am Ende sein OK zum Eintritt in den Himmel gibt.
Eine andere heisst: ‚religiöse Pflichten erfüllen‘. Dazu gehört alles, was die Kirche von einem verlangt, z. B. der Gottesdienstbesuch, regelmässiges Gebet, Mitarbeit, Nächstenliebe, das Einhalten der biblischen Gebote – auch ein gutes Verhältnis zum Pfarrer kann auf dem Weg zum Himmel nicht schaden.
Eine weitere Sprosse heisst ‚Opfer bringen‘. Opfergaben, um Gottes Gunst zu erhalten, um seinen Zorn über allfällige Fehltritte zu besänftigen. Was opfern wir? Zeit, Geld, Kraft, Begabungen… Ich will niemandem etwas einreden, aber die Frage sei erlaubt: Was ist dein wahres Motiv, etwas für einen ‚guten Zweck‘ zu geben? Helfen oder himmlischer Lohn?
Vielen Menschen leuchtet sofort ein, dass man sich anstrengen muss, wenn das Leben einen guten Ausgang nehmen soll, dass der ‚Himmel‘, wie immer er auch aussehen mag, einer Leiter gleicht, die wir Sprosse um Sprosse mühsam hinaufklettern müssen. Noch so gerne lassen sie sich – und vielleicht auch wir uns – eine solche Leiter in die Hände drücken, damit sie sich in den Himmel raufschaffen können.
Aber eben, das alles ist ja gar nicht nötig. Der Himmel ist doch in der Person Jesu schon längst zu uns auf die Erde herunter gekommen. Jesus ist doch das Ende aller religiösen Kletterpartien und Himmelsstürmereien. In ihm nimmt Gott uns unsere Kletterleitern aus den Händen und sagt: ‚Komm, stell sie weg! Du brauchst sie nicht mehr. Der Himmel ist doch schon da! Das Himmelreich ist dir ganz nah gekommen. Du musst dir nicht mehr mühsam einen Weg zu Gott bahnen! „Ich bin der Weg, ich bin die Wahrheit, und ich bin das Leben. Zum Vater kommt man nur durch mich.“‘
Es ist leider so, dieses Bibelwort hat immer wieder zu Missverständnisse geführt, da nämlich, wo mit ihm der Absolutheitsanspruch des Christentums begründet wurde. Aber ist es nicht ein himmelweiter Unterschied, ob Jesus von sich selbst sagt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit“, oder ob das Christentum nach allen Irrwegen, die es hinter sich hat, behauptet, ‚die wahre Religion‘, die wahre Himmelsleiter zu sein? Mich fasziniert dieser Satz, dann nämlich, wenn ich ihn nicht in der Bewegungsrichtung der Kletterleiter, also von unten nach oben, lese, sondern in umgekehrter Richtung: von Gott her, von oben nach unten. Jesus zeigt uns nicht einen Weg zum Himmel, den wir gehen müssen. Er beschreibt sich selbst als den Weg, den Gott gegangen ist: ‚Ich bin der lange und beschwerliche Weg Gottes zu euch! In mir läuft euch der Vater im Himmel mitten auf der Erde direkt in die Arme!‘ – lest dazu einmal die folgenden Verse. Ja, Jesus ist der kürzeste Weg zum Himmel, weil wir ihn nicht selber gehen müssen. Durch Jesus kommt uns der Himmel ganz nahe.
Aber hat nicht gerade Jesus den ‚himmelweiten‘ Abstand unseres Lebens vom Himmelreich betont? Hat er nicht immer wieder gesagt, wie schwer es ist, in Gottes Neue Welt zu kommen? Ja, Jesus hat den Abstand zwischen Himmel und Erde nicht verschwiegen. Im Gegenteil, er hat ihn gegenüber der jüdischen Tradition sogar noch verschärft, z. B. in der Bergpredigt, wo er mehrfach sagt: „Ich aber sage euch…“. Hier hat der den Massstab es Himmels an unser armes Leben angelegt und sichtbar gemacht, wie himmelweit wir vom Himmel entfernt sind.
Aber jetzt kommt das Erstaunliche: Jesus verschärft zwar den Abstand zwischen Himmel und Erde – aber er überbrückt ihn gleichzeitig. Gerade da, wo Menschen den himmlischen Massstäben nicht entsprechen, wo ihr Leben nicht gelingt, sondern scheitert, wo der Himmel sich eigentlich verschliessen müsste vor den Defiziten der Menschen – gerade da lässt Jesus den Himmel aufgehen über dem verfehlten Leben. Da überbrückt er die Distanz, spricht Gelingen zu, wo Scheitern offensichtlich ist, spricht das Leben gut, obwohl so viel Gutes fehlt, vergibt, wo zu richten wäre, nimmt an, was eigentlich unannehmbar ist. Jesus verschenkt den Himmel an die, die ihn nicht verdienen.
Vielleicht denkst du jetzt: ‚Wow, diesen Himmel möchte ich auch. Jemand, der über meinem Leben sagt: Es ist gut. Trotz allem, was nicht gut ist, es ist gut.‘ Und du fragst dich: ‚Was muss ich tun, dass der Himmel auch über meinem Leben aufgeht? Dass der Himmel zu mir kommt?‘
Es ist ganz einfach, wir können einfach ‚Danke!‘ sagen: ‚Danke, Gott, danke, dass du zu mir gekommen bist, dass du diesen weiten, anstrengenden Weg zu mir gegangen bist – so wichtig bin ich dir, so wertvoll! Danke, dass ich nicht länger mühsam die Leiter hoch klettern muss, was ich ja doch nie geschafft hätte. Ich will aufhören damit, ich will aufhören, mir den Himmel aus eigener Kraft zu verdienen. Danke, dass du mir in Jesus den Himmel entgegen streckst, und für die Hoffnung: Mit dir gelingt mein Leben, es wird gut ausgehen. Was du getan hast, will ich von jetzt an für mich gelten lassen.‘