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Die Bibel lehrt beten (4)

Beten im Geist und in der Wahrheit

Bibeltexte: Psalm 25,1-10; Johannes 1,1.10-14.18
Predigttext: Johannes 4,19-24

»Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist«, sagte die Frau. »Unsere Vorfahren haben Gott auf diesem Berg hier angebetet. Ihr Juden dagegen sagt, der richtige Ort, um Gott anzubeten, sei Jerusalem.« Jesus erwiderte: »Glaube mir, Frau, es kommt eine Zeit, wo ihr den Vater weder auf diesem Berg noch in Jerusalem anbeten werdet. Ihr ´Samaritaner` betet an, ohne zu wissen, was ihr anbetet. Wir jedoch wissen, was wir anbeten, denn die Rettung ´der Welt` kommt von den Juden. Aber die Zeit kommt, ja sie ist schon da, wo Menschen Gott als den Vater anbeten werden, Menschen, die vom Geist erfüllt sind und die Wahrheit erkannt haben. Das sind die wahren Anbeter; so möchte der Vater die haben, die ihn anbeten. Gott ist Geist, und die, die ihn anbeten wollen, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.«

Johannes 4,19-24

Be-Geist-ert beten

Mit Jesus hat eine neue Zeit begonnen – „Aber die Zeit kommt, ja sie ist schon da…“. Was ist neu? Die Menschen beten auf neue Weise zu Gott – erfüllt von Gottes Geist und aus einer engen Beziehung zu Gott, zu Gott als Vater, den Jesus ihnen gezeigt hat. Durch Jesus lernen sie Gott kennen, wie er wirklich ist, durch das, was Jesus gesagt und getan hat, durch sein Leben mit den Menschen, durch sein Sterben und Auferstehen. Sie erleben Gottes Menschlichkeit – „das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns“, schreibt Johannes (1,14) –, seine unendliche Freundlichkeit erleben sie, seine unverbrüchliche Treue und Liebe ihnen gegenüber. Diese Erfahrung überwältigt sie – und bringt sie zur Überzeugung: ‚Ohne ihn wollen wir nicht mehr leben. Ja, mit diesem Gott wollen wir leben‘. So geht für die Menschen eine ganz neue Welt auf, eine Welt, in der Gott ganz nah ist, ganz nah durch sein Geist, der bei ihnen einzieht und in ihnen lebt.

Vielleicht ist euch jetzt in den Sinn gekommen, wo ihr genau das erlebt habt. Eindrücklich bleibt mir ein Stiller Tag, an dem ich gewandert bin und die wunderschöne Landschaft genoss, dabei über Gott und die Welt und mein Leben nachdachte, betete, Bibelworte bewegte. Irgendwann an diesem Tag erfüllten mich ein grosses Glücksgefühl und eine unendliche Dankbarkeit, mit Gott leben zu können. In diesen Augenblicken ging für mich wie der Himmel auf und tief im Herzen spürte ich wieder neu den Wunsch und die Sehnsucht, mit diesem liebenden Gott in jedem Augenblick meines Lebens in engstem Kontakt zu bleiben, mit diesem treuen Gott, der mich durch und durch kennt, der mir so nah ist und mich festhält – auch wenn ich es nicht direkt fühle –, mir väterlicher Freund ist, mir zutraut, sein Mitarbeiter zu sein, und mich so –auch durch schwierige Zeiten – im Leben und Glauben reifen lässt.

So oder ähnlich, stelle ich mir vor, ist es seit damals, als Jesus lebte, vielen, vielen Menschen gegangen. Jesus hat Gottes liebendes, freundliches und menschliches Vatergesicht sichtbar gemacht. Ist es erstaunlich, dass sich da auch das Beten wandelte? Wo die Gewissheit wächst, dass Gott einem nah ist – sogar da, wo wir es nicht spüren –, wo man so unmittelbar mit ihm Kontakt hat, wo die Begegnung mit ihm immer wieder einmal unseren Alltag unterbricht, ist das Reden mit ihm, das Beten, doch das Selbstverständlichste. Man denkt gar nicht darüber nach. Es ist das Normalste der Welt. Da ein paar Worte gewechselt, dort ein paar Sätze gesprochen, dazwischen auch einmal schweigen oder einfach zuhören, dann wieder ein längeres Gespräch. Über alles Mögliche, wie es einem halt gerade drum ist. Niemand braucht sich zu verstellen. Das Beten kommt von innen heraus, aus dem Herzen. Aus Freude, ja Begeisterung über alles, was wir durch die Nähe des Vaters haben.

„Aber die Zeit kommt, ja sie ist schon da, wo Menschen Gott als den Vater anbeten werden, Menschen, die vom Geist erfüllt sind und die Wahrheit erkannt haben. Das sind die wahren Anbeter(innen).“

Verkrampfungen

Aber eben, unsere Erfahrung zeigt, dass solches Beten auf Dauer gerade keine Selbstverständlichkeit. Auch nach einem so eindrücklichen Erleben mit Gott wie damals auf der Wanderung kam wieder der Moment, wo es mit dem Beten harzte, wo es nicht mehr von selbst ging. Darum verstehe ich gut, wenn du jetzt denkst: ‚Das möchte ich auch, so mit dem Vater reden, so beten‘. Wie schön, wenn unser Beten immer so aussehen würde. So selbstverständlich, natürlich, unverkrampft – wie Kinder mit einem reden können. Heiter, gelassen. Von Herz zu Herz.

Solches Beten ist keine Selbstverständlichkeit, wie unsere Erfahrungen zeigen. Im Gegenteil, von Natur aus haben die Menschen Mühe mit Beten. Sie haben ‚Knörze‘ damit. (Warum das so ist, darüber haben wir im Zusammenhang mit Römer 8,26f gesprochen.)

So ein Knorz kann Streit sein. Ja, über das Beten wird gestritten. So ein Streit erwähnt die Samaritanerin im Gespräch mit Jesus. Es ist der alte Streit zwischen den Juden und den Samaritanern um die Frage, wo denn der rechte Ort sei, wo Gott angebetet werden müsse – auf dem Berg Garizim in Samarien oder im Tempel in Jerusalem. Die Frage um das rechte Beten löste damals offensichtlich Auseinandersetzungen aus.

Wie betet man richtig? Auch zurzeit, als das Johannes-Evangelium entstand, stellte man sich diese Frage. Gegen Ende es 1. Jahrhunderts nach Christus wurden die Christen an vielen Orten aus den Gebetshäusern der Juden, den Synagogen, ausgeschlossen. Wo sollen wir jetzt beten? Wie müssen wir beten, dass es Gott gefällt? Geht das überhaupt ausserhalb der Synagogen? Dürfen wir das? fragten sie. Auch hier gab es vermutlich heisse Diskussionen.

Begeistertes Beten zum Vater, das von Herzen kommt, ist nicht selbstverständlich. Nicht nur Streit und Auseinandersetzungen verhindern es. Unsere Predigtreihe heisst: ‚Die Bibel lehrt beten‘. Wir wollen beten lernen. Wir wollen lernen, wie Beten richtig geht. Wir wollen es doch recht machen und so beten, wie Gott es möchte – und dabei passiert es leicht, dass wir uns verkrampfen. Wenn wir uns beim Beten nämlich darauf fixieren, richten wir unsere Gedanken nicht auf den Vater, sondern auf uns selbst: Bete ich genug lang und häufig? Und am richtigen Ort, zur richtigen Zeit? Welche Gebetshaltung ist wohl richtig? Was gehört alles in das Gebet? Danke ich genug, bitte ich zu viel, müsste ich mehr Fürbitten tun? Brauche ich die richtigen Worte? Wie muss ich Gott anreden? Als Vater? Jesus? Darf ich zum Heiligen Geist beten? Stimmt meine innere Haltung? Kommt mein Beten wirklich von Herzen? Bete ich mit Freude?

Vielleicht bin ich mit meinen Gedanken auch bei meinen Mitbetern: Was denken die wohl von meinem Beten? XY findet immer so passende Worte, das gelingt mir nie…

Oder ich erinnere mich an die vielen, vielen guten Tipps und Ratschläge und Richtlinien und Erfahrungen von andern und Anregungen aus Predigten und Büchern zum Thema. Alles wertvolle Gedanken und sicher gut gemeint. Aber ich fühle mich unter Druck gesetzt, sie engen mein Beten ein. Mich dünkt es, nicht mehr ich bete, wenn ich bete, sondern die Ratgeber um mich herum beten in mir und mit mir. Ich kann gar nicht sagen, was mich eigentlich bewegt. Ich fühle mich unfrei, gefangen, manipuliert, bedrängt. Mein Beten ist ein Müssen, ein Krampf, geschieht wie unter Zwang. So und so muss ich doch beten!

Eine kleine Hausaufgabe: Macht euch einmal bewusst, welche Vorstellungen und Vorbilder euch bei eurem Beten leiten. Welche sind befreiend und hilfreich? Welche nicht? Welche engen euch ein?

Wer nun aber das Beten als etwas Einengendes und von aussen Erzwungenes erlebt, könnte so reagieren, dass er ins Gegenteil kippt und alle Stützen, alle Leitplanken, alle Regeln über Bord wirft – aus Furcht vor Gesetzlichkeit und Zwang. Aber damit verfällt das Gebet. Formlosigkeit zerstört das Beten. Beten nur nach Lust und Laune verwildert und verliert seine Kraft. Furcht schafft genauso wenig Leben wie Druck und Zwang. Auch sie ist kein Weg zur Freude, zu begeistertem Beten.

Wir sehen: Beten im Geist und in Wahrheit, begeistert und aus der tiefen Beziehung zu Gott heraus mit ihm reden, ist nicht selbstverständlich. Wir stehen in der Gefahr, beim Beten uns selbst zu beobachten und so nur bei uns zu bleiben; uns von Forderungen von aussen gefangen nehmen und unter Druck setzen zu lassen oder dann aus Furcht vor Zwang alles über Bord werfen und unser Beten so verkommen zu lassen. So wird unser Beten leblos und mühsam.

Beten im Geist und in der Wahrheit

Aber eben, das war damals auch nicht anders, ermuntert Jesus in unserem Text die Betenden doch ausdrücklich: „Die, die Gott anbeten wollen, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten. So möchte der Vater die haben, die ihn anbeten“.

Es ist wahr, solches Beten ist uns verheissen, versprochen, Beten im Geist und in der Wahrheit ist Gottes Geschenk und Gabe. Ganz seine Tat. Aber offensichtlich ist es genauso auch Auf-Gabe, und unser Engagement gefordert. Ja, Gottes Geschenk muss entgegen genommen, ausgepackt und sein Gebrauch eingeübt werden. Beten im Geist und in der Wahrheit fällt uns nicht einfach in den Schoss. Und von Natur aus können wir es wie gesehen sowieso nicht. Wir müssen es lernen.

Was ist mit Beten „im Geist und in der Wahrheit“ eigentlich gemeint? Mit dem Wort „Geist“ ist Gott und seine Kraft gemeint, der in unsere Welt kommt, in uns Wohnung nimmt und uns durch die Neugeburt zu seinen Kindern, zu Bürgern seiner Neuen Welt macht. Er ist als Tröster und Fürsprecher Jesu Stellvertreter bei uns Menschen und führt uns in die Wahrheit (Kp. 14-16). Durch ihn ist Jesus uns also auch nach seiner Rückkehr zum Vater nah. Ja, der Vater selbst ist uns durch ihn nah. Und das überall, denn der Geist weht, wo er will (Johannes 3,8). Er ist an keinen festen Ort gebunden.

Eng mit dem Geist verbunden ist im Johannesevangelium das Wort „Wahrheit“: „Der Geist ist Wahrheit“ (1. Johannes 5,6), lesen wir, oder vom „Geist der Wahrheit“ (14,17; 16,13). Wichtig ist: Der Begriff „Wahrheit“ steht für eine Beziehung. Gott zeigt dem Menschen, wer er ist. Er teilt ihm die Wahrheit über sich mit, aber so, dass er ihm gleichzeitig seine Liebe schenkt und ihn einlädt, diese anzunehmen. So macht er Menschen zu Beteiligten. So geschieht Wahrheit. Wahrheit ereignet sich, passiert.

Das Verständnis der griechischen Philosophie von Wahrheit unterscheidet sich grundlegend davon. Dort ist Wahrheit ein Gegenstand, den man aus der Distanz beobachten kann. Man fragt: Was ist Wahrheit? Wahrheit ist etwas, das mit dem Menschen, der sie sucht, nichts zu tun hat. Sie ist etwas Zeit- und Geschichtsloses. Und sie existiert auch ohne, dass ich sie kenne.

Nehmen wir das Beispiel Liebe. Nach griechischem Verständnis geht es darum, die Wahrheit heraus zu finden. Nach griechischem Verständnis kennt man die Wahrheit der Liebe, wenn man sie richtig beschreiben, definieren kann. Und eine Definition ist ja grundsätzlich zeitlos gültig. Nach biblischem Verständnis dagegen wird Liebe erst wahr, nämlich wenn sie geschieht, wenn in Liebe gehandelt wird, wenn Menschen liebevoll miteinander umgehen. Wo Liebe geschieht, entstehen (Liebes-)Geschichten. Menschen mit dem griechisch-philosphischen Verständnis von Wahrheit würden zusammen sitzen und über Liebe philosophieren. Menschen mit dem biblischen Verständnis von Wahrheit würden die kranke Nachbarin besuchen.

Das griechische Wort für Wahrheit „a-letheia“ bedeutet eigentlich: das „Nicht-Verborgen-sein“. Damit entspricht es unserem deutschen Wort „Offenbarung“. Gott offenbart sich in Jesus Christus, zeigt, wer er ist, indem er uns seine Liebe schenkt und uns einlädt, sie anzunehmen. Wahrheit geschieht, wo wir Ja sagen zu Gottes Liebe, die in Jesus Christus zu uns gekommen ist, und ihn und unsere Nächsten lieben.

Darin, in diesem Schenken und Annehmen geschieht Wahrheit. Und im Mittelpunkt davon steht die lebendige Person, Jesus Christus, der die Wahrheit ist (14,6). In 1,17 heisst es ausdrücklich, dass Wahrheit durch Jesus Christus „geworden“, entstanden, also nicht nur verkündet, erzählt worden ist. Eben Wahrheit ist in der Bibel ein Geschehen und kann nicht definiert, in Worten ausdrückt werden. Wahrheit geschieht, wo ich die Botschaft von Gottes Liebe höre und anerkenne, d. h. dazu Ja sage und sie annehme, und dann tue (1. Johannes 1,6), d. h. in ihr wandle, nämlich indem ich Liebe übe (3. Johannes 3). Da ereignet sich Wahrheit. Wahrheit ist also ein Ereignis, das immer wieder neu, eigentlich jeden Tag neu geschieht – eben: Gott, der mir begegnet, mich in Anspruch nimmt, und ich, der Ja sagt und sich Gott mit Leib und Seele hingibt.

Es ist übrigens ganz wichtig, dass wir Christen das im Auge behalten, wenn wir nach der christlichen Wahrheit, nach der Wahrheit des Glaubens fragen! Sehr gern fallen wir nämlich ins Verständnis der griechischen Philosophie und möchten die Wahrheit des Glaubens zeitlos definieren und schwarz auf weiss festhalten. Was wir dann als „die Wahrheit“ verkaufen, sind oft nur unsere persönlichen Wahrheiten und Überzeugungen, aus unserer Situation und Perspektive heraus. Nein, die Wahrheit des Glaubens kann man nicht definieren und festhalten, wir können sie nur leben, jetzt heute, hier, wo wir sind.)

Was heisst jetzt also, beten „im Geist und in der Wahrheit“? Es heisst, den Vater überall, wo wir sind und wie wir sind, anbeten, weil sein Geist uns erfüllt, sein Geist, durch den er uns ganz nah ist. Überall, wo wir sind, mit ihm reden, zu ihm beten, ist beten im Geist und in der Wahrheit. Es heisst, sich immer wieder neu Gottes Menschlichkeit, Freundlichkeit und Liebe, die sein Geist uns zeigt, schenken lassen – im persönlichen Gebet, in der Stille, im Gottesdienst, auch im Dienst für Gott. Sie für uns gelten lassen, sich dem Vater im Himmel in seiner Menschlichkeit, Freundlichkeit und Liebe anvertrauen. Und aus ihnen heraus leben, Tag für Tag, in Wort und Tat, in dem, was wir sagen und in dem, was wir tun, am Sonntag und genauso im Alltag. Daraus erwächst auch das vertraute Gespräch wie zwischen Freunden – eben: Beten im Geist und in der Wahrheit.

Amen.

28. Mai 2010 / Pfr. Stefan Zürcher