Symbolbild Symbolbild  
Evangelisch methodistische Kirche
Rüti - Wald - Hombrechtikon
 
Home/Bezirk
Tann - Rüti
Wald
Hombrechtikon
Intern
Kontakt
Links
 

Beten ohne Unterlass

Bibeltext: 2. Mose 17,8-13; Römer 8,22-27
Predigttext: 1. Thessalonicher 5,17

„Betet ohne Unterlass“ – Die Gefahr ist gross, dass wir diese drei Worte überlesen, vor allem, wenn wir den Abschnitt mit seinen 18 Aufforderungen im Zusammenhang lesen. Wenn wir diesen 17. Vers nicht überlesen, dann müssen wir darüber stolpern. Wenn wir irgendwo stolpern, bleiben wir normalerweise stehen und blicken zurück, um zu sehen, worüber wir den gestolpert sind. Das wollen wir jetzt auch tun.

Meint das Beten ohne Unterlass pausenlos, andauernd, immer, unaufhörlich beten? Oder ist regelmässig gemeint. Also also täglich im stillen Kämmerlein beten? Vor jedem Essen, wöchentlich im Gottesdienst oder im Frühgebet? Dann ist ja alles i.O.!, denkt jetzt vielleicht mancher. Aber wir merken: regelmässig – das ist zum einen eine Abschwächung. Der Zündstoff ist weg, die Munition entschärft. Zum andern meinen pausenlos und regelmässig nicht dasselbe: Wenn die Mutter ihren Kindern sagt, sie sollen regelmässig die Hände waschen, meint sie ja nicht, die Hände pausenlos unter den Wasserhahn halten.

Aber wie soll das dann zu verstehen sein? Pausenlos beten – wie soll das gehen? Neben allen anderen Verpflichtungen…? Das ist doch eine Zumutung! Ja, das ist es. Paulus MUTet seinen Lesern, uns etwas zu, d.h. er traut uns Mut und Ausdauer zu! Paulus traut uns den Mut zu, ihn beim Wort zu nehmen; und er traut uns die Ausdauer zu, so lange nach dem unaufhörlichen Gebet zu suchen, bis wir einen Zugang dazu gefunden und eigene Erfahrungen gemacht haben.

Kommt, lassen wir uns doch auf diese Herausforderung ein: ‚Paulus, Paulus, einmal mehr machst du es uns ganz und gar nicht leicht und gehst auf’s Ganze; aber offenbar scheint es dir nicht unmöglich, darum wagen wir es und machen uns heute morgen auf den Weg.’

Gottes Geist betet in uns

Es stimmt schon, mit dieser Aufforderung – wenn wir uns darauf einlassen – wird einiges von uns abverlangt und zu Recht haben wir Bedenken, wir könnten es nicht schaffen und uns überfordern. Aber in unserem Beten haben wir einen grossartigen Verbündeten. Paulus selber weist uns darauf hin, in Römer 8,15 und 26. Gottes Geist ist dieser Verbündete im Gebet! Gottes Geist betet in uns und für uns: Er steht für uns vor Gott und spricht, betet für uns. Wir werden aufgefordert, unaufhörlich zu beten und dürfen entdecken: Es betet ja schon in uns, unaufhörlich – er betet ja in uns, Gottes Geist, der eigentliche Beter ist er, gar nicht wir.

Es gibt ein schönes Abendlied, und in den Strophen 3 und 4 heisst es: „Denn unermüdlich, wie der Schimmer des Morgens um die Erde geht, ist immer ein Gebet und immer ein Loblied wach, das vor dir steht. / Die Sonne, die uns sinkt, bringt drüben den Menschen überm Meer das Licht; und immer wird ein Mund sich üben, der Dank für deine Taten spricht“ (GB 640,3.4).

Immer sind irgendwo auf der Erde Menschen am Beten und werden dann wieder von andern abgelöst. Das Gebet kommt zu uns, wir übernehmen und geben es weiter. Ein herrliches Bild: Wie die Sonne bzw. der Sonnenaufgang um die Erde kreist, kreist das Gebet der Menschen um die Erde.

Doch nicht nur da hört das Gebet nie auf. Sogar in mir hört es nie auf! Immer betet es, oder eben er in mir. Unaufhörlich redet Gottes Geist in mir mit Gott.

Mitsummen

Ohne Unterbruch betet Gottes Geist in uns. M.a.W. Gottes Geist nimmt uns hinein ins Gebet, Gottes Geist nimmt uns ins Gebet. Die Aufforderung, ohne Unterlass zu beten, heisst dann, sich ins Gebet nehmen lassen und einstimmen. Sich anstecken lassen. Mitbeten.

Ich höre sehr gerne Musik. Musik ist ansteckend. Und ab und zu passiert es, dass ich plötzlich plötzlich ich selber mitsumme oder mich eine Melodie oder ein Lied begleitet. Ohne Unterlass beten, heisst wahrnehmen und sich bewusst sein, dass es in uns betet; es heisst, es geschehen lassen, dieser inneren „Musik“ Raum geben, hinhören, zuhören, horchen; und es heisst miteinstimmen, mitsummen und diese „Musik“ so in seinem Herzen mitzutragen…

So beten ist eine Haltung, eine Art vor und mit Gott zu leben, ein Weg, seinen Alltag mit all seinen Verpflichtungen und Aufgaben erfüllt von Gottes Gegenwart zu bewältigen, erfüllt von Gott wie von einer schönen Melodie, die uns nachläuft. Und jetzt merken wir: Das geht auch ohne artikulierte Worte und ohne die Hände zu falten; eine besondere Art zu beten!

Wie könnte unaufhörliches Beten aussehen?

Wir können ja nicht unaufhörlich so beten, wie wir normalerweise beten. Das wäre ein Murks. Und es würde uns an den meisten anderen Geschäften in Familie und Beruf hindern. Dazu kommt: Paulus mahnt uns zu arbeiten (4,11)! Beten und Arbeiten muss sich irgendwie verbinden lassen. Alltägliche Aufgaben dürfen durch das Gebet nicht gestört werden und das Gebet darf durch die alltägliche Arbeiten nicht gestört werden. Beten soll alle Tage der Woche und jede Stunde durchdringen und prägen. Der gewöhnliche Tag, die normalste Stunde soll zu einem Raum der Begegnung mit Gott werden, mit dem Ziel, die Gegenwart Gottes in den alltäglichen Dingen zu erfahren.

Wie könnte oder müsste unaufhörliches Beten also aussehen? Welche Gebetsformen gibt es, die dies ermöglichen? Ich meine: Jeder Mensch wird da seine Form suchen müssen und finden. Doch zwei Möglichkeiten von vielen, miteinzustimmen, auf die Erfahrung der Gegenwart Gottes zuzuleben, will ich beschreiben.

Herzensgebet / Jesusgebet

Das Herzensgebet besteht nur aus diesem kurzen Satz: „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, // erbarme dich meiner“ (auch verkürzte Formeln sind möglich, je nach Atemrhythmus). Der erste Satzteil wird beim Einatmen, der zweite beim Ausatmen gesprochen bzw. gedacht. Einatmen: Herr, Jesus Christus, Sohn Gottes – Ausatmen: erbarme dich meiner. So wird dieses Gebet immer wieder wiederholt.

Dieses Gebet stammt ursprünglich aus der Ostkirche, ist aber inzwischen auch im Westen beliebt. Es ist eine ganzheitliche Gebetsform: Leib, Seele und Geist sind miteinbezogen, wobei der Verstand mit der Zeit mehr und mehr zurücktritt.

Viele Menschen machen die Erfahrung, dass sich das Herzensgebet nach einiger Zeit und nach viel Übung von alleine regt; sie merken plötzlich: es betet in mir, es geschieht einfach; Gottes Geist hat mich ins Gebet genommen, Gottes Geist betet in mir. Es ist die Erfahrung im Alltäglichen: Gott ist da!

Doch das Herzensgebet ist nicht für alle Menschen der passende Zugang zum unaufhörlichen Gebet. Darum eine zweite Möglichkeit:

Alles nur aus Liebe zu Gott tun

Bonhoeffer schreibt: „Hinter dem Es der Tagesarbeit das Du Gottes finden, das ist es, was Paulus ‚ohne Unterlass beten’ nennt. So reicht das Beten der Christen über die ihm (dem Gebet) zugewiesene Zeit hinaus mitten in die Arbeit hinein. Es umfasst den ganzen Tag, es hält dabei die Arbeit nicht auf, sondern es fördert sie, bejaht sie, gibt ihr Ernst und Fröhlichkeit. So wird jedes Wort, jedes Werk, jede Arbeit des Christen zum Gebet“ (vgl. Gemeinsames Leben, 60; Kol. 3,17).

In der Arbeit Gott finden, das nennt Paulus nach Bonhoeffer ‚ohne Unterlass beten’. So wird alles Gebet.

Nun tönt das ziemlich theoretisch; ist es aber gar nicht, wie das Beispiel von Bruder Lorenz, ein Mönch aus dem 17. Jh. Zeigt. Er war kein grosses Licht, einfacher Mann ohne beso Bildung. Seine Werkzeuge waren die Hände und nicht so sehr der Kopf. So trug man ihm vorwiegend die Aufgaben auf, die niemand machen wollte: z. B. den Küchendienst, den er auch gar nicht gerne machte.

Dazu schrieb er: „Ich hatte von Natur die grösste Abneigung gegen dieses Geschäft, nachdem ich mich aber gewöhnt hatte, alles dabei aus Liebe zu Gott zu tun und bei jeder Verrichtung Ihn um seine Gnade und Seinen Beistand anzuflehen, ist mir die 14 Jahre lang, die ich in der Küche zubrachte, nichts schwergefallen“. Und weiter „Ich kenne keinen Unterschied zwischen der Zeit des Gebets und der übrigen Zeit. Ich halte zwar meine besonderen Gebetsstunden, wenn es mir mein Oberster befiehlt, sonst habe ich aber kein Bedürfnis dazu und suche sie nicht, weil mich auch die grösste Arbeit im Umgang mit Gott nicht stören kann.“

Ist das nicht eindrücklich, wie dieser einfache Mensch in all seiner Arbeit – ob er sie gern tut oder nicht – Gottes Gegenwart erlebt und ihn nichts dabei stören kann! Da hat einer entdeckt, was es für ihn heisst, ohne Unterlass zu beten; da hat einer die Melodie des Heiligen Geistes in seinem Herzen erkannt und eingestimmt; da lässt er dem Gebet des Heiligen Geistes in ihm freien Lauf. Das beeindruckt mich. Nichts von Weltflucht; in den alltäglichsten, gewöhnlichsten Aufgaben ist Gott ihm am nahsten. Hinter dem Es der Tagesarbeit hat er das Du Gottes gefunden (Bonhoeffer). Und alles, was er tat, wurde zum Gebet, wie auch Wesley schreibt: „Ob wir über Gott nachdenken oder zu ihm sprechen, ob wir für ihn arbeiten oder leiden, alles ist Gebet, wenn wir kein anderes Ziel als seine Liebe und den Wunsch, ihm zu entsprechen, haben. Alles, was ein Christ tut, auch essen und schlafen, ist Gebet, wenn es in Schlichtheit gemäss seinen Weisungen getan wird.“

Zum Schluss

Ich habe zwei Möglichkeiten, unaufhörlich zu beten und sich der Erfahrung, dass Gott im Alltäglichen gegenwärtig ist, zu öffnen, beschrieben. Zwei Möglichkeiten neben weiteren. Paulus traut uns – dir und mir – den Mut und die Ausdauer zu, unseren Weg zu suchen, bis wir ihn gefunden haben. Wer sucht und dran bleibt, wer hinhört, in sich hineinhört, wird das Beten des Geistes Gottes entdecken, die Melodie, das Lied, das er singt, von Gottes Gegenwart.

Höre hin! Hörst du es? Stimme ein!

Amen

Stefan Zürcher, Pfr. - 12. Januar 2008