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Das Osterlicht durchbricht unsere Mauern

Bibeltext: Lukas 24,13-35

Die Mauer

Der Herr ist auferstanden! Er ist wirklich auferweckt worden! Jesus lebt! Er ist nicht bei den Toten geblieben! Das ist die Osterbotschaft, das ist die Botschaft der Christen.


Jesus lebt! Diese frohe Botschaft haben also auch die beiden Emmaus-Jünger gehört. Doch was löst sie aus? Freude? Jubel? Begeisterung? Nein, nichts von alledem. Im Gegenteil, zur tiefen Enttäuschung über den Tod Jesu kommt noch die Aufregung über den verschwundenen Leichnam. Auch das noch! Die Frauen erzählten zwar, Engel hätten ihnen gesagt, Jesus lebe. Aber gesehen haben sie ihn ja auch nicht. Was ist da schon davon zu halten. Das ist doch leeres Gerede.

 

Und so machen sich die beiden auf den Heimweg. Weg von Jerusalem, vom Ort der Täuschungen und Ent-täuschungen. Weg aus diesen Stadtmauern, die ihnen plötzlich so eng und bedrückend vorkamen. Sie machen sich daran, sich in die Situation, wie sie nun mal ist, zu schicken, ihre Hoffnungen zu begraben. Man beginnt sich mit der Situation zu arrangieren. Zurück nach Emmaus. Da kennt man sich aus. Da passiert zwar nichts Gewaltiges, nichts Weltbewegendes. Aber das ist ja vielleicht auch besser. Besser keine zu grossen Hoffnungen. Die sind ja so schnell zerstört und dann ist alles schlimmer als vorher.


Doch so schnell geht das nicht. Unterwegs kommt ihnen dies alles wieder hoch, was sie in den letzten Tagen erlebt haben. Das Gefühl, hinter dicken Mauern gefangen zu sein, bleibt. Man sieht nicht darüber und schon gar nicht hindurch. Wie gut tut es, dass da einer zu ihnen stösst und mitgeht, der ihnen wenigstens zuhört. So können sie alles herauslassen, ihren ganzen Frust, ihre Enttäuschung, ihre Resignation und Hoffnungslosigkeit.


Das Bild von diesen einengenden Mauern spricht mich an, löst viele Gedanken aus in mir. Vielleicht geht es euch ähnlich. Da gibt es einige Steine in meinem Leben, kleinere und grössere, leichtere und schwerere, dunklere und hellere. Sie türmen sich dann und wann auch auf vor mir und stellen eine ansehnliche Mauer dar. Eine Mauer, über die ich manchmal nicht hinwegsehe. Da ist z. B. die Frage der Nachfolge von unserem Jugendarbeiter, der im Sommer wegzieht. Im Moment ist noch niemand in Sicht. Da war die Standortfrage und die Frage, wie weiter mit unseren baulichen Anliegen. Oder da ist die Konferenz von Theologen in Oxford im August. Ich habe die Gelegenheit, einen Beitrag zum Thema meiner Dissertation zu liefern und zu vertreten. Aber natürlich auf Englisch – ich und englisch! Und so gibt es noch weitere Steine in meiner Mauer.


Wo seht ihr in eurem Leben und Alltag solche Steine? (Wandbild: Papiersteine ausfüllen und an die Wand kleben, so dass eine Mauer entsteht). (Zweifel im Glauben, Krankheit, Bräschte, Gemeindesituationen, Trauer, Verlust eines lieben Menschen, Schwierigkeiten am Arbeitsplatz, Neuorientierung nach Pensionierung, schwierige Nachbarn, Eheprobleme, die Kinder gehen einen schwierigen Weg oder finden sich nicht zurecht, Verantwortung, finanzielle Sorgen...)


Vor so einer Mauer standen auch die beiden Jünger, als sie auf dem Weg von Jerusalem nach Emmaus waren. Mitten drin der Stein vom Grab Jesu, der tote Jesus. An dieser Mauer gibt es nichts zu rütteln. Die hält. Daran kann auch der fremde Begleiter, der mit ihnen geht, nichts ändern. Oder etwa doch?

Durchbruch

Jesus lebt! Am Tisch, als Jesus das Brot bricht, fällt es ihnen wie Schuppen von den Augen. Jesus ist ja gar nicht tot, er ist wirklich auferstanden. Und ihnen begegnet. Er ist es, der auf sie zugekommen ist, er hat sie angesprochen, er hat sich ihnen gezeigt. Und sie haben ihn gesehen, ihm ihr Herz ausgeschüttet, ihm zugehört, mit ihm Tischgemeinschaft erfahren. Unerklärbar, unbegreiflich, unfassbar, aber wahr, wirklich wahr: Jesus lebt! Sie haben ihn mit eigenen Augen gesehen, mit ihren Ohren gehört und mit ihren Herzen gespürt – sie brannten. Die Begegnung mit dem Auferstandenen hat ausgelöst, was Worte allein nicht auszulösen vermögen: ein Brennen, eine tiefe Freude, eine noch nie erlebte Begeisterung. Die Gegenwart Jesu hat in ihnen neue Zuversicht geweckt, Hoffnung ausgelöst und Energie freigesetzt, die sie zurück nach Jerusalem treibt.


Die Osterbotschaft, die wir hier vernehmen, will Glauben wecken und stärken. In diesen Momenten, in denen wir diese Botschaft hören, klopft Christus an deine Türe, um auch dir zu begegnen, um mit dir Gemeinschaft zu haben. In diesem Bewusstsein habt wir miteinander zmörgelet. Auch du sollst heute zutiefst in deinem Herzen erfahren, dass der Stein vom Grab weggerollt ist, dass Ostern wurde, dass Jesus lebt! Ja, er lebt! Und das heisst, dass das Leben stärker ist als alles, was das Leben behindert.

In neuem Licht

Ist nun, nachdem Jesus den Emmausjünger begegnet ist, die Mauer einfach weg? Nein, das ist sie nicht. Sie ist im Grunde immer noch da. Die Römer herrschen ja immer noch über das jüdische Volk und unterdrücken es. An dieser Sache hat sich nichts geändert. Die Situation ist immer noch dieselbe. Nur, das ist gar nicht mehr wesentlich. Das Problem mit den Römern ist zwar noch da, aber es erscheint in einem neuen Licht, ist nicht mehr das Problem. Denn dieser schwere Stein hier in der Mitte vor dem Grab, der ist weg. (Wandbild: Grabstein mit Sonne überdecken, ein paar Strahlen ankleben).


Es wurde Ostern. Da wo dieser gewaltige Stein lag, brennt jetzt das helle Osterlicht. Ein Licht hell wie die Sonne. Und in diesem hellen Osterlicht verändert sich so manches, auch die Mauer. Sie erscheint jetzt in einem anderen Licht, bekommt eine andere Farbe.


Experiment: Schaut einmal weg von diesem Bild / schliesst die Augen. Und jetzt schaut auf das Bild. Wohin wandert euer Blick? – Wenn du diese Mauer betrachtest, wandert dein Blick doch automatisch in die Mitte, weg von den Steinen zum Zentrum. Für dich ist es Ostern geworden! Ostern heisst: dein Blick wandert weg von deinen Steinen zum auferstandenen Christus. Zu Jesus, unseren Herrn, der lebt und der mit dir und uns allen auf dem Weg ist, der da ist, wo du bist, der dir zuhört und dich auffordert, von deinen Steinen zu erzählen, und so deine Lasten mit ihm zu teilen.


Er lädt dein ein, weg von deinen Steinen auf ihn zu schauen. Oder besser, immer wieder trifft sein Blick dein Blick. Plötzlich geschieht es, dass er dir so wohltuend und herzlich in die Augen schaut, dich freundlich anschaut. Dann erlebst du Ostern! So verlieren die Steine mehr und mehr ihre Macht, dich gefangen zu nehmen. Sie verlieren ihr Gewicht, das dich niederdrückt. Sie verlieren ihre Kraft, die dein Leben behindert.


Und noch etwas geschieht: Wer Ostern erlebt, gerät in Bewegung. Wir werden gestärkt, um selber aktiv zu werden. Und wir beginnen, Steine herauszubrechen. M.a. W., wir packen die Problem an, lernen einen neuen Umgang mit ihnen oder beginnen, das eine oder andere zu lösen. So wird die Mauer durchlässig. Da und dort lösen sich Steine, fallen zu Boden und das Osterlicht dringt ganz neu durch. (Wandbild: Steine herauslösen)


Dass Steine aus unseren Mauern herausbrechen, ist nicht Ostern. Aber es ist eine Folge von Ostern, davon dass Christus lebt, unsern Blick auf sich richtet und Leben schenkt. Dass Jesus auferstanden ist, das ist das Entscheidende. Doch darin, dass unsere Mauer in einem neuen Licht erscheint und dass da und dort der eine oder andere Stein herausbricht, darin wird Ostern für uns im Alltag erfahrbar und sogar für andere sichtbar.


Wo habt ihr in den vergangenen Tagen und Wochen erlebt Ostern? Welche Steine sind aus der Mauer herausgebrochen? (Zeugnisse; Wandbild: während den Zeugnissen Strahlen ankleben).

Stefan Zürcher, Pfr. - 8. April 2007 (Ostern)