Schriftlesung: Psalm 133 / Joh 13,33-35
Einstieg:Hat nicht Psalm 133 recht: „Siehe wie fein und wie lieblich ist, wenn Brüder und Schwestern einträchtig beieinander wohnen - oder in Frieden zusammenleben“ Gibt es etwas Schöneres als einen Ort, wo in einer Gemeinschaft Eintracht oder Friede herrscht?
Oder rufen wir uns Momente in Erinnerung, wo wir solchen Frieden nicht erlebt haben – für die einen ist das ein grösserer Horror, für die anderen ein kleineres Elend, aber jeder sehnt sich schlussendlich nach Gemeinschaft, wo Eintracht und Friede ist; nicht wo alle gleicher Meinung sind, aber wo man sich getragen und geliebt fühlt.
Heute möchte ich unseren Blick vor allem auf die Gemeinschaft richten, die wir hier haben: Da geht es uns ja gleich. Wir möchten in einer Gemeinde sein, wo Einheit und Friede herrscht. Keinen faulen Frieden, sondern liebevolle, den andern wertschätzende Gemeinschaft suchen wir. Die Liebe und Eintracht in der Gemeinde hat jetzt aber nicht nur eine private Dimension, sondern es geht um mehr, wie wir in der zweiten Lesung gehört haben:
„Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“
Die Leute im Dorf, in der Schule, im Geschäft, im Laden, Freunde, Familie, Bekannte erkennen uns nicht in erster Linie durch unsere frommen Worte, auch nicht durch unseren christlichen Lebensstil, nach dieser Stelle nicht einmal in erster Linie daran wie Gott ergebend und vertrauend du bist, sondern wenn, dann erkennen sie dich in erster Linie an der Liebe zu deinen Brüdern und Schwestern hier in der Gemeinde.
Die Apostelgeschichte doppelt nach: Nachdem im zweiten Kapitel davon gesprochen wurde, dass die Nachfolger von Jesus täglich einmütig zusammengewesen sind, geteilt, zusammen gegessen und Gott gelobt haben, steht nun: „und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk“ – Komisch: Noch hat keine Evangelisation stattgefunden, keine sozialen Dienste sind angelaufen und schon haben sie beim ganzen Volk Wohlwollen gefunden!
Eigentlich darf es uns nicht überraschen, dass auch bei Menschen, die Jesus noch nicht angenommen haben, die Sehnsucht nach einer liebenden Gemeinschaft, welche Friede bestimmend ist, viel grösser ist als nach einer aufbauenden Predigt; grösser als die Frage nach dem Sinn des Lebens, sogar grösser als das Verlangen nach Nahrung eines hungernden Menschen. Darum ist das auch das stärkste Zeugnis. Ich rede nicht gegen Taten und Worte – diese müssen Ausdruck sein von unserer Liebe. Ich ermutige auch nicht zu einem „netten“ Umgang miteinander – es darf einmal „chessle“, das hat es auch in der ersten Gemeinde. Sondern ich möchte, dass wir uns erneut bewusst werden, dass unsere Gemeinschaft nicht einfach ein Zeugnis gegen aussen ist, sondern das Zeugnis gegen aussen. Genau das hat ein neues Mitglied unserer Gemeinde in Tann bei seiner Aufnahme in die Mitgliedschaft als sein stärkstes Erlebnis bezeichnet.
Schon in der Bibel sehen wir jedoch wie Satan versucht, gerade das Zeugnis der Eintracht immer wieder kaputtzumachen und die Christenheit zu schwächen. Obwohl ihr als Tobel-Gemeinde in diesem Punkt eine Stärke habt, ist niemand immun, und so möchte ich mit ein paar Gedanken von Bonhoefer anschauen, was die Bibel darüber sagt, damit die zeugnishafte Gemeinschaft funktionieren kann.
Hauptteil:1. Nicht alle Christen haben an der Gnade der christlichen Gemeinschaft Anteil:Denken wir an Gefangene, Kranke, einsame Christen in heidnischen Ländern. Das Mass, in welchem uns Gott eine sichtbare Gemeinschaft mit anderen Christen schenkt, ist verschieden.
Menschen, die in einem moslemischen Land im Einsatz sind, erleben vielleicht einmal einen kurzen Besuch von einem anderen Christen, andere haben einfach am Sonntag die Möglichkeit für Gemeinschaft mit anderen Christen, wieder andere leben die ganze Woche in der Gemeinschaft einer christlichen Familie. Nach der Bibel ist es weder Standard noch Norm, dass wir einfach so Zugang zur Gemeinschaft mit anderen Christen haben. Gott verheisste seinem Volk schon in 5. Mose 28,25 dass sie „zerstreut werdet unter alle Reiche auf Erden“.
Für diejenigen, die die Gemeinschaft von Christen missen müssen, ist sie Quelle von Freude und Stärkung: Paulus: „Tag und Nacht sehn ich mich danach , euer Angesicht zu sehen“ 1. Thess 3,10
Können wir dieses Verlangen verstehen, ist unser Verlagen nach Gemeinschaft miteinander auch so gross? Wer täglich mit der Gemeinschaft beschenkt wird, kann leicht vergessen, was für ein Gnadengeschenk die Gemeinschaft mit Geschwistern ist. So gilt für uns, dass wir uns bewusst werden, dass uns die Gemeinschaft täglich genommen werden könnte – durch Krankheit, Wegzug usw. Bonhoeffer erlebte das hautnah.. Es geht jetzt natürlich nicht darum, der Gemeinschaft fernzubleiben, es gibt nichts Blöderes als freiwillig die Gnade zu verschenken, aber es geht darum, immer wieder ganz in der Welt zu leben. Vielleicht geht es auch darum, mit Leuten zu reden, die diese Gemeinschaft nicht mehr haben um immer wieder die Besonderheit, das Geschenk der Gemeinschaft mit anderen Gläubigen zu schätzen.
2. „Nur wer für das Geringe dankt, empfängt auch das Grosse“:Schon durch den Prophet Jeremia warnt Gott Baruch „Du begehrst für dich grosse Dinge? Begehre es nicht!“ (45,4) Das gilt auch für die christliche Gemeinschaft.
„Danken wir nicht täglich für die christliche Gemeinschaft, in die wir gestellt sind, auch dort, wo keine grosse Erfahrung, kein spürbarer Reichtum, sondern wo viel Schwäche, Kleinglauben, Schwierigkeiten ist, beklagen wir uns vielmehr bei Gott immer nur darüber, dass alles noch so armselig, so gering ist, so gar nicht dem entspricht, was wir erwartet haben, so hindern wir Gott , unsere Gemeinschaft wachsen zu lassen nach dem Mass und Reichtum, der in Jesus Christus für uns alle bereit liegt.“
3. Jetzt sind wir beim zentralen Punkt:Eine Gemeinschaft kann nicht funktionieren, wenn man falsche Erwartungen an sie hat. Die christliche Gemeinschaft unterscheidet sich jetzt am deutlichsten und zentralsten von der Gemeinschaft im Sportverein dadurch, dass es die christlichen Gemeinschaft nur durch Jesus Christus und in ihm gibt.
Unser Vereinszweck ist Christus, und nur in ihm, in diesem Rahmen, funktioniert die Gemeinschaft. Wir sind nicht zur Gemeinschaft berufen, weil wir uns so lässig finden oder das gleiche Hobby oder Interesse haben, sondern weil wir einander als Heilsbotschafter brauchen, gerade in Zeiten, wo du ungewiss und am Verzweifeln bist.
Wir können nicht erwarten, dass unsere Gemeinschaft Bestand hat, weil wir von Gott in Individuen verwandelt werden, die keinen Streit mehr haben. Wenn überhaupt, hat die Gemeinde Bestand durch die Vergebungskraft von Christus. Wenn wir Christen werden, kommen wir zum Leib Christi dazu.
Sieh deinen Nachbarn an: Wird dir bewusst, dass du die Ewigkeit mit ihm verbringen wirst? Als Gott dich angenommen hat, hat er gerade auch mit dem Unterricht in geschwisterlicher Liebe begonnen!
„Nehmt einander auf, gleich wie euch Christus aufgenommen hat.„ Röm 15.7
Wir sind zu Geschwistern geworden durch das, was Christus an uns getan hat, nicht durch eigene Wahl.
Nicht was du in der anderen Person siehst, hält unsere Gemeinschaft zusammen, sondern was jemand von Christus her ist. Welches Bild hast du von deinem Nachbarn? Dein Bild, oder das Bild von Christus? Darf ich vorstellen: Das ist nicht Fritz....sondern der von Christus erlöste, von seiner Sünde freigesprochene, zum Glauben und zum ewigen Leben berufene andere sitzt neben dir!
Wir haben uns als Geschwister nur durch Christus, das dafür aber in Ewigkeit. Diese Erkenntnis kann helfen, die christliche Gemeinschaft nicht mit einem Wunschbild von frommer Gemeinschaft zu verwechseln. Die Christliche Gemeinschaft zerbricht garantiert, wenn sie aus einem Wunschbild heraus lebt.
Es muss uns klar werden: Christliche Gemeinschaft ist kein Ideal, sondern eine göttliche Wirklichkeit, sie ist durch den heiligen Geist geschaffen worden und nicht durch unser natürliches Verlangen nach einander. Diese Erkenntnis enttäuscht uns zuerst, doch erst in dieser Enttäuschung, die jeder Christ mal erlebt, fängt die christliche Gemeinschaft an, das zu sein, was sie sein soll. Diese Enttäuschung braucht es gerade, damit unsere Gemeinschaft Bestand haben kann.
Wer seinen Traum von einer christlichen Gemeinschaft aus natürlichem Verlangen mehr liebt als die christliche Gemeinschaft selber, wird zum Zerstörer von dieser Gemeinschaft. Er fordert von Gott, von den anderen und von sich selber die Erfüllung. Unerfüllbare Forderungen machen eine Gemeinschaft kaputt. Gott hat den einzigen Grund unserer Gemeinschaft gelegt, indem er uns durch Jesus zu einem Leib zusammenführt, darum stehen wir nicht als Fordernde, sondern als Dankende und Empfangende in der christlichen Gemeinschaft.
Wenn ich mich aufrege über die Gemeinde, dann möchte ich mich fragen, ob Gott gerade daran ist, mein falsches Wunschbild zu erschlagen. Christliche Gemeinschaft hat Bestand aus der Kraft des Heiligen Geistes, nicht durch unser natürliches Verlangen zueinander. Natürlich ist es ganz unterschiedlich: Mit den einen in der Gemeinde hätten wir auch zu tun wenn wir nicht in der gleichen Gemeinde wären, sogar wenn wir nicht Christen wären, wären wir mit einigen aus der Gemeine freundschaftlich verbunden. Aber mit anderen hätten wir nichts zu tun, würden uns nicht sehen und einander auch nichts zu sagen haben.
Unsere Gemeinschaft hat also einerseits die Dimension von den Beziehungen aus natürlichem Verlangen, das ist gut und wichtig. Aber darin würde sie sich nicht von anderen Gemeinschaften unterscheiden. Das Grössere, Gewaltigere, Zeugnishafte ist jetzt aber eigentlichgerade die Gemeinschaft mit den Leuten, mit denen wir nicht aus natürlichem Verlangen zusammen sind. Die natürliche Liebe hat klar ihre Grenzen. Alleine zerbricht sie, wenn sie Bedürfnisse nicht mehr befriedigen kann, spätestens bei unseren Feinden funktioniert sie nicht mehr. Da kann nur noch die von Gott geschenkte, geistliche Liebe funktionieren und daher ist sie auch so besonders, so gewaltig, so zeugnishaft. Es ist als Gemeinde eine Daseinsfrage, dass es uns gelingt, dieses Unterscheidungsvermögen zu fördern: Zwischen menschlichem Ideal und Gottes Wirklichkeit, zwischen geistlicher und natürlicher Gemeinschaft.
Natürlich: Es gibt Momente, wo eine Gemeinschaft fast ideal zu sein scheint. Das ist schön und gut, aber nicht das Ziel als christliche Gemeinschaft. An diesem Ziel könnten wir nur zerbrechen. Wir sind zusammen, weil Gott uns zusammen geführt hat zu einem Leib, nicht weil du gewählt hast. Sondern weil wir wie die anderen gerecht gesprochen worden sind durch Jesus und so zum Leib zusammengefügt worden sind.
Schlussgedanke:Zusammen sein ist nicht das gleiche wie Gemeinschaft. Nur dass wir uns treffen ist ja auch noch kein Zeugnis gegen aussen. Zum Beispiel sind Soldaten, die sich zum Appell treffen, zwar zusammen, aber noch keine Gemeinschaft.
Jeder hat hier eigene Verantwortung für die Gemeinschaft, doch nicht wie wir uns das denken – durch natürliche Liebe oder eine falsch verstandene Einheit. Ein fauler Friede, der macht uns kaputt, sondern „Siehe wie fein und wie lieblich ist, wenn Geschwister durch Christus beieinander sind.“
Es geht darum, dem anderen zu dienen, ihn zu tragen, ja sogar liebende Gedanken über ihn zu haben, aber nicht aus Pflicht, auch nicht weil du ihn aus dir heraus einfach liebes- oder dienenswürdig empfindest, sondern weil du mit ihm ein Leib bildest, weil Gott dich mit ihm zusammen in den Leib eingefügt hat und du nicht einfach sagen kannst, wenn du ein Bein wärst: Den Kopf trage ich zwar, aber den linken Arm nicht. Auch kann das Herz nicht sagen: Die linke Seite versorge ich mit Blut, die rechte nicht. So funktioniert der Körper nicht. Jeder Teil gehört zum Leib, ob es mir passt oder nicht.
Es ist nicht die natürliche Liebe, das gegenseitige Sich-Angezogen-Fühlen, sondern es ist die geistliche Liebe, von der die Bibel sagt: Daran wird jedermann erkennen....
Tobias Weyrich - 4. März 2007
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