Erneuerung von innen nach aussen, Einheit 12
Bibeltext: 2. Mose 19,3-6; 1. Petrus 2,4-10
Hinführung
Heute folgt im Rahmen des Kurses ‚Erneuerung von innen nach aussen das Thema „Die neue Identität“. Der Apostel Petrus zeigt uns mit zwei weiteren Bildern, nämlich mit dem der lebendigen Steine und dem der heiligen Priesterschaft, unsere Identität, wer wir sind, zu was uns Gott gemacht hat.
Unser Text macht uns besonders darauf aufmerksam, dass unsere wirkliche Identität als Christen nie allein die Beziehung zu Gott einschliesst, sondern auch die Beziehung zu den anderen Christen. Wir sind Teil eines grösseren Ganzen.
Darum spricht mich auch das Bild der lebendigen Steine so an. Ihm und einem zweiten in unserem Text, dem der heiligen Priesterschaft, wollen wir auf die Spur kommen.
Mit diesem Backstein will ich 3 Aspekte des Bildes von den lebendigen Steinen veranschaulichen:
1. Die Unterseite liegt auf dem Eckstein auf und ist getragen vom Fundament; das gibt ihm und dem ganzen Haus festen Halt. Jesus Christus ist der Eckstein; Menschen, die als lebendige Steine auf ihn bauen, finden festen Halt im Leben. Ohne ihn gehen sie zu Grunde.
2. Die Stirnseiten. Diese sind in einer Mauer mit den Nachbarsteinen verbunden. Miteinander verbunden sind die Christen wie ein starkes Haus, sind sie Kirche, Gemeinde Jesu. Als einzelne, einsame Steine sind sie praktisch nutzlos.
3. Die Aussenseite. Sie ist sichtbar für alle, die am Haus vorbeigehen. Die christliche Ge-meinde hat eine Wirkung nach aussen. Sie steht als Gottes Priesterschaft am Schnittpunkt zwischen Gott und der Erde. Durch die Gemeinde kommt Gott zu den Menschen und durch die Gemeinde finden die Menschen zu Gott.
1. Der von Gott gesetzte Eckstein: Jesus Christus
Wir betrachten jetzt die Unterseite unseres Backsteins, die Seite, die auf dem Eckstein aufliegt, vom Fundament getragen wird.
Wir haben es gehört, Jesus Christus, den lebendigen Stein, hat man weggeworfen. Man wollte ihn nicht. Man wollte ihn loshaben. Er kam einem in die Quere. Er war unbequem, hat gestört. Darum hat man ihn ans Kreuz geschlagen. Umgebracht.
Aber die Menschen haben die Rechnung ohne Wirt gemacht. Gott hatte einen Plan. Er hat diesen toten Stein, den Gekreuzigten wieder zurückgeholt, zu neuem Leben erweckt und ihn zum Eckstein, zum tragfähigen Fundament für alle Menschen, ja für die ganze Erde gemacht. Dieses Fundament hält. Nichts bringt es zum Wanken.
So will Gott uns, den Menschen, festen Halt für unser Leben geben. Wer auf Jesus Christus baut, wer sich auf ihn verlässt, wird festen Boden unter seinen Füssen finden. Das ist gemeint, wenn es heisst: „Wer an ihn glaubt, der geht nicht zugrunde“. Darum die einfache Einladung: „Kommt zu ihm, dem lebendigen Stein! Probiert es! Wagt es! Kommt!
Allen gilt dies. Jede und jeder auf dieser Erde, der dies will, ist recht, um sein Leben auf diesen Eckstein zu setzen. Kein Stein ist zu gross, zu klein, zu kantig, zu rund, zu hart, zu weich, zu schwer, zu leicht, zu schief, zu einförmig oder hat die falsche Farbe. Allen gilt: Komm! Und erleb, wie gut der Herr ist (V.3).
Wir feiern heute Taufbekenntnisgottesdienst. In der Taufe hat Gott O. W. damals zugesprochen: Ich habe den Eckstein auch für dich gesetzt. Jesus Christus ist das Fundament auch für dein Leben. Komm, bau dein Leben auf ihn!
O. hat diese Einladung gehört und angenommen. Spät, sehr spät zwar, wie O. sagt. Aber nicht zu spät. Sein Leben ist auf Jesus Christus gebaut. Das wird er heute vor dieser Gemeinde bestätigen, wenn er Ja sagt, Ja zu Gottes Ja zu ihm, Ja zu Jesus Christus als seinem Herrn und Erlöser.
Die Unterseite seines Backsteins liegt auf dem richtigen Fundament. Wir freuen uns riesig! Der Himmel jubelt! Ein lebendiger Stein!
2. Lebendige Steine für den Hausbau
Jetzt hat unser Stein hier noch mehr Seiten. Zwei Stirnseiten. Wenn er in eine Mauer eingebaut wird, stösst er mit ihnen an die Nachbarsteine.
Das führt uns zum nächsten Gedanken. Steine, die auf das Fundament Jesus Christus gebaut sind, sind als lebendige Steine für den Hausbau bestimmt. Ein Stein, der irgendwo für sich allein herumliegt, sich nicht in ein Bauwerk integrieren lässt, – und mag er noch so perfekt und sorgfältig behauen sein, ist praktisch nutzlos. Er ist nur im Weg, hat keine Funktion. Man stösst sich daran, und schliesslich wirft man ihn in die Grube.
M.a.W., Christsein für sich allein ist nicht möglich. Allein bleibt einer weit, weit hinter seinen Möglichkeiten zurück. Allein verfehlt er seine Bestimmung. Nein, er ist gemacht, um mit den andern zusammen etwas Grosses zu sein und Grosses zu erfahren. Seine Bestimmung ist, dass er Teil eines wunderbaren Gebäudes wird, Teil des Hauses Gottes, Teil der Gemeinde, Teil von Gottes Dienstgemeinschaft. Darin erst erfüllt sich die Bestimmung der Christen, dass sie in der Gemeinschaft mit anderen Christen immer wieder Gott begegnen.
Carlo Carretto sagt es so: „Wir sind aus Beziehungen zu anderen gemacht. Wir sind aus Liebe gemacht, aus Wärme, aus Hingabe, aus dem Füreinander. Wir sind dazu geschaffen, in ein Haus einzukehren, wo ein Vater ist und wo wir Geschwister sind und wo niemand ausgeschlossen wird. Wir sind dazu geschaffen, ein Haus zu haben, das uns den Sinn für Beständigkeit, für das Bleibende, für die Ruhe gibt. Ja wir sind für ein Haus geschaffen, wo Gott Vater ist und wo alle Menschen Schwestern und Brüder sind.“
Darum bittet Petrus seine Leser: „Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen“. Bleibt nicht für euch. Erkennt eure Bestimmung und lebt als lebendige Steine in der Gemeinschaft mit euren Brüdern und Schwestern. Nehmt euren Platz ein, den Platz, den nur ihr ausfüllen könnt.
Wir feiern heute nicht nur Taufbekenntnis-Gottesdienst, sondern auch Aufnahme in die Mitgliedschaft unserer Gemeinde und Kirche. Ein lebendiger Stein lässt sich in unser Gemeindehaus einsetzen, wird Teil unserer Gemeinschaft und sagt verbindlich Ja, Ja, ich will ganz dazugehören.
O., du sagst ja zu unserer Gemeinde – so wie sie ist. Sie ist nicht perfekt, aber sie ist liebenswert. Gott liebt sie, sie ist es ihm wert, und darum auch uns. Du bist bereit, mit deinen Möglichkeiten mitzuarbeiten und mitzutragen. Du lässt dich einfügen wie ein Stein in eine Mauer.
Da sind Menschen, die stützen und tragen dich. Und da sind Menschen, die du stützt und trägst. Einer braucht den andern. Du hast es erfahren. Das sieht man auf diesem Foto mit dieser Natursteinmauer sehr schön. Und wenn man einen Stein herausnehmen würde, entstände eine Lücke, und vermutlich würden weitere Steine herausfallen.
Übrigens gefällt mir an diesem Bild auch, wie in den Spalten allerlei Pflanzen wachsen. Bestimmt finden auch viele kleine Tiere in den Ritzen Unterschlupf. Diese Mauer lebt. Das ist ein Bild für die Gemeinde.
Auf diesem Foto hier sieht man schön, was für unterschiedliche Aufgaben die verschiedenen Steine haben. Da gibt es tragende Steine ganz unten, Steine im Türbogen und Steine, die den Türrahmen bilden; da ist die Schwelle; andere halten Schilder, die Hausanschrift, das Regenrohr oder die Lampe; auch die Kletterpflanzen finden Halt an den Steinen. Jeder hat eine bestimmte Aufgabe, aber nur alle zusammen ergeben dieses schöne, einladende Haus.
3. Ein Haus von Priestern
Damit sind wir beim 3. Gedanken. Dieser Stein oder auch die Steine in dieser Mauer hat eine von aussen sichtbare Seite. Dieser Stein, die Mauer, das Haus hat eine Aussenwirkung. Und so auch die Gemeinde. Darauf macht Petrus aufmerksam, wenn er von der heiligen oder königlichen Priesterschaft schreibt: „Ihr seid eine königliche Priesterschaft“. Das macht die Identität der Gemeinde und damit ihrer Mitglieder aus: sie ist eine heilige Priesterschaft.
Aber was heisst das? In den evangelischen Kirchen und erst recht in den evangelischen Freikirchen kennen wir ja keine Priester. Wir reden zwar vom allgemeinen Priestertum. Aber was ist damit gemeint? Jesus sagte einmal von sich, dass er die Tür zum Vater sei, also der Zugang zu Gott. Durch ihn, Jesus Christus, kommen wir Menschen zu Gott. Das ist die urpriesterliche Funktion, die Menschen mit Gott in Verbindung bringen. Zu vermitteln zwischen beiden.
Das also tut auch die Gemeinde: in ihr und durch sie kommen Menschen mit Gott in Kontakt. Das ist ihre Bestimmung. Stellt euch vor, als Gemeinde dürfen wir am Schnittpunkt zwischen Gott und Welt stehen. Wir sind Vermittler. Durch uns kommt Gott zu den Menschen, und durch uns kommen die Menschen zu ihm.
Die folgenden zwei Bilder veranschaulichen dies: da diese helle, warme Mauer; sie hat auf diese Frau einladend gewirkt; es hat sie „gluschtet“, sich hinzusetzen und auszuruhen, sich vom Sonnenlicht wärmen zu lassen, vielleicht still zu werden oder sogar zu beten. – Ein Bild für die Gemeinde, diese Mauer!
Dann dieses: Wir sehen ein Tor, das vom Dunkel ins Licht führt – „Ihr aber seid die königliche Priesterschaft … damit ihr die grossen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat“ – jetzt dürfen wir selber Menschen von der Finsternis in sein wunderbares Licht rufen und ihnen den Weg zum Licht zeigen.
Ist das nicht ein wunderbarer Status, den Gott uns da gibt? Auch unsere Gemeinde eine heilige Priesterschaft? Aber sind wir das wirklich? Es kommt doch vor, dass wir uns aneinander reiben. Manchmal tun wir uns auch weh, unbewusst meist, manchmal sogar bewusst. So sind wir doch kein Tor vom Dunkel zum Licht. Und was würden wohl jene sagen, die uns aus einer gewissen Distanz beobachten? Wir, eine heilige Priesterschaft?
Menschlich gesehen sind wir das alles nicht, was der 1. Petrusbrief den Christen zusagt, nicht heilig, nicht königlich, oft nicht einmal wirklich lebendig. Wir sind es nicht. Und doch sind wir es in Gottes Augen. Durch den lebendigen Eckstein Jesus Christus sind wir es, schon jetzt. Er spricht uns an als lebendige Steine und heilige Priesterschaft: Ihr seid eine heilige, königliche Priesterschaft. Das ist unser Stand. Und dann lädt er uns ein, es nun auch zu werden: Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus, zu einer heiligen Priesterschaft aufbauen. Er lädt uns ein, zu werden, was wir sind.
Zum Schluss
Von unserer neuen Identität haben wir es heute. Das ist Gemeinde: eine Gemeinschaft auf dem Weg zu dem, was sie in Gottes Augen schon ist: ein geistiges Haus aus lebendigen Steinen und eine heilige Priesterschaft. Das sind wir, eine Gemeinschaft auf dem Weg, das zu werden, was wir aus Gottes Perspektive schon sind: ein herrliches Gebäude aus den unterschiedlichsten Steinen, in dem Gott und Menschen einander begegnen. Wir sind es, weil Jesus Christus der Eckstein ist. Amen.
Stefan Zürcher, Pfr. - 26. November / 3. Dezember 2006
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