Erneuerung von innen nach aussen, Einheit 3
Bibeltexte: Psalm 119,103-112; Johannes 8,30-36
Wir hören viele Worte, doch welches bleibt bestehn?
In der Vorbereitung auf diesen Gottesdienst ist mir ein Lied wieder in den Sinn gekommen, das wir in meiner Jungscharzeit oft gesungen hatten. Die Liedstrophen heissen so:
Wir sehen viele Wege, doch welchen sollen wir gehn?
Wir hören viele Worte, doch welches bleibt bestehn?
Ref.: Zeig uns, Herr, den rechten Weg, der zum Ziele führt.
Gib uns du das gute Wort, das uns retten wird.
Wir gehen viele Wege und müssen auch weitergehn.
Wir folgen vielen Worten, auch wenn wir nichts verstehn.
Ref.
Wir sehen viele Wege, doch einen müssen wir gehn!
Wir hören viele Worte, nur eines bleibt bestehn!
Ref.
Dieses Lied redet u.a. von einem Stimmengewirr, von den vielen Stimmen, die auf uns einreden, von den unzähligen Worten, von den unzähligen Meinungen und Vorstellungen, von den unzähligen Informationen, die auf uns einstürmen und es uns schwer machen, uns zu orientieren. Was gilt wirklich?
Diese Stimmen kommen nicht nur von der lauten Welt um uns herum, von den Radios, den Fernsehern, den Handys, vom Internet usw. Sie kommen nicht zuletzt auch aus unserem Inneren. Das kann einen ganz verrückt machen. Besonders, wenn wir Wegweisung suchen und uns nach dem einen helfenden Wort sehnen.
Kennt ihr solche Momente auch, in denen euch das alles zu viel wird, in denen ihr ganz sturm werdet? Und in denen ihr euch nach dem einen wahren Wort sehnt, das hält, was es verspricht; nach dem einen gültigen Wort, das Bestand hat und nicht am nächsten Tag schon wieder überholt ist und nicht mehr gilt; nach dem einen hilfreichen Wort, das euch von all den unwahren und halbwahren Worten befreit.
Das Wort, das Jesus spricht, macht frei
Schon Jesus kannte dieses Stimmengewirr, das die Menschen gefangen nimmt. Aber er wollte sie davon befreien. Er sagte: Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wirklich meine Jünger. Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch befreien. ...Wenn euch also der Sohn befreit, dann seid ihr wirklich frei (Joh 8,31f.36).
Dabei war er sich im Klaren, dass verschiedene Mächte ihr zerstörerisches Unwesen treiben und den Menschen schaden wollen. Die Macht der Sünde, die versklavt, aber auch der Durcheinanderbringer selber, der Diabolos, der Teufel. Von ihm sagt Jesus: Der Teufel war ein Mörder von Anfang an. Und er steht nicht in der Wahrheit; denn es ist keine Wahrheit in ihm. ...er ist ein Lügner und der Vater der Lüge (Joh 8,44).
Er ist eine Quelle der Unwahrheit. Er freut sich teuflisch über das chaotische, zerstörerische Stimmengewirr in uns und um uns. Ja, er tut alles, dass wir nicht hören, wenn Gott zu uns redet, dass wir das eine Wort nicht heraushören aus allen anderen Worten, und flüstert uns gleichzeitig seine Lügen ein.
Doch Jesu Wort ist stärker. Es macht frei. Immer wieder dringt sein Wort in unsere Herzen durch und redet zu uns, sagt uns das rettende Wort. Hast du es auch schon gehört? Wer als sein Jünger in ihm bleibt, wird es erfahren. Er wird erfahren, was schon Jesaja von Gott gehört hat: "Das Wort, das meinen Mund verlässt, kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will, und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe" (Jes 55,11). Gottes Reden hat Kraft, da geraten Menschen in Bewegung, werden verändert, erneuert, befreit von zerstörerischen Einflüssen und Mächten.
Lebensgeschichte von Yvette
Ich will euch nun von Yvette erzählen, denn genau das hat sie erfahren. Eindrücklich können wir in ihrem Lebensbericht beobachten, wieviele Stimmen um sie kämpften und sie in diese und jene Richtung zu zerren versuchten. Doch eines Tages erlebte sie, wie Gott durch die Bibel zu ihr geredet hat und ihr ein Wort gesagt hat, das ihr ganzes Leben verändert hat.
Eine kleine Aufgabe: Achtet im Folgenden einmal auf diese verschiedenen Stimmen und versucht herauszuhören, wo Gott redet. Am Anfang sind es nur ganz leise Töne. Aber sie werden immer deutlicher.
Durch Gottes Reden sei für sie die Wende gekommen, sagt sie, die Abkehr vom Scheinleben und die Hinwendung zum wirklichen Leben. Das ganze Durcheinander begann sich aufzulösen. Sie wurde frei.
Das war am 1. Advent 1976. An diesem Tag ist sie den Hügel zum Sonnenhof, einem Haus der Stille hinaufgegangen. In ihrem Herzen habe sie eine grosse Last getragen, die ihr die Schritte schwer gemacht hätten.
Sie schreibt:
Ich war wieder einmal soweit, dass ich alles hätte hinschmeissen mögen. Noch vor meiner Abreise hatte ich mit dem mir nächsten Menschen gestritten; es waren hässliche Worte gefallen .
So zeigt sich das Durcheinander in ihr drin. Es will auch ausserhalb alles Durcheinander bringen und kaputt machen.
...es waren hässliche Worte gefallen. Und doch wusste ich, dass der Anlass dazu nicht die Auseinandersetzung gerechtfertigt hätte. Die Gründe lagen tiefer: sie hatten ihre Ursache in der Hoffnungslosigkeit, die mich immer wieder von Zeit zu Zeit überwältigte. In solchen Momenten genügte ein geringfügiger Vorfall, um die im Hintergrund bestehende Unzufriedenheit und Not mit Heftigkeit hervorbrechen zu lassen.
Das ist auch eine dieser Stimmen, die Stimme der Hoffnungslosigkeit: 'Es hat doch alles keinen Sinn. Was willst du? Es gibt keinen Ausweg. Du bist verdammt, so zu bleiben, wie du bist. Mach dir nur keine Hoffnungen'.
Dann erzählt Yvette von ihrem Leben bis zu diesem 1. Adventssonntag. Sie hatte in jeder Hinsicht ein sehr abwechslungsreiches Leben, ein enormer Lebenshunger, und eine heftige Neugier, alles zu erfahren, hatten sie umhergetrieben. Alles Schöne und Angenehme liebte sie, dem Unangenehmen aber wich sie, wo immer möglich, aus. Mit Vorliebe bewegte sie sich damals unter Menschen, die mit Malerei, Musik, Literatur u.ä. zu tun hatten und das Leben ebenso genossen und ja nicht zu viel Verantwortung suchten wie sie. Es war eine Phase, in der Yvette ihr Leben extrem nach aussen gerichtet hat.
Später, nach dieser Phase, wandte sie sich ebenso intensiv sozialen, politischen und philosophischen Fragen zu. Nun war sie hellhörig geworden für die Not und Ungerechtigkeit auf der Welt.
Sie schreibt zu dieser Zeit:
Ich versuchte es mit linken Ideologen, fand den Gedanken der Gleichheit aller Menschen überzeugend und fürchtete mich doch im selben Moment vor der Gleichschaltung und dem Untergehen in der Anonymität; ich war ein ausgeprägter Individualist. Ich wollte mich engagieren im Kampf für die Gerechtigkeit, es quälte mich das Wissen darüber, daß das Wohl für alle Menschen noch nicht annähernd verwirklicht war. Vielleicht spürte ich damals schon, daß das Leid der Welt mein Leid war, daß ich vor allem an mir selber litt.
Sie spürte etwas vom Stimmengewirr in ihr und um sie, konnte es aber nicht durchschauen und auflösen. Weiter:
Ich hungerte nicht nach dem täglichen Brot als leibliche Nahrung wie die Hungernden der Dritten Welt, aber ich hungerte nach Frieden in meinem Herzen; ich mußte nicht nach einem Dach über dem Kopf Ausschau halten wie die Vietnamflüchtlinge, aber ich suchte nach einem Zuhause für meine heimatlose Seele. Gott verneinte ich eigentlich nie, ich schob ihn einfach beiseite oder er war mir Objekt philosophischer Spekulationen.
Sie sehnte sich nach dem einen freimachenden wahren Wort.
Aber noch waren andere Stimmen lauter. Sie begann ihre Ausbildung in einem sozialen Be-ruf. Sie schreibt:
Ich las nun gierig Jung und andere psychologische Literatur, Hesse, Rudolf Steiner, Bücher über fernöstliche Religionen und Philosophien. Ich befaßte mich mit Surrealismus, Parapsychologie und Okkultismus. Ich begab mich in gruppendynamische Seminare, Psychotherapien, feministische Gruppen und östliche Meditationsgruppen. Vor allem beschäftigte ich mich intensiv mit mir selbst: mit meinen Bedürfnissen, Wünschen und Phantasien, meinen Gefühlen, meinem Erleben. Hauptthema jener Zeit war ich.
Wir sehen, diese verwirrlichen Stimmen kommen also durchaus nicht nur von aussen. Man-che kommt auch einfach tief aus unserem eigenen Inneren und nimmt uns gefangen.
Ich bastelte mir meine privaten Heilslehren: da ein Teilchen, dort ein Stückchen, alles zusammengefügt, damit es paßte - auf mich, und daß es mich rechtfertigte. Ich änderte meine Weltanschauungen, aber ich änderte mich selber wenig. Im Grunde blieb ich dieselbe.
Aber dann begann der Umbruch. In all diesen Jahren hatte sie manchmal Christen gefragt: »Wer ist Christus? Warum kann ich ihn nicht fassen?« Das war für sie eine brennende Frage. Den Kontakt mit der Kirche hatte sie nach der Konfirmation abgebrochen. Einigen wenigen Menschen war sie hin und wieder begegnet, bei denen sie spürte: diese müssen mit Gott in Verbindung stehen, und die ihr auch sonst als Menschen Eindruck machten. Dieser winzige Hoffnungsschimmer sei es gewesen, der sie schliesslich in das Retraitehaus geführt hätte. Im Hause war sie sofort von der Atmosphäre fasziniert: Sie spürte Freude, Kraft, Großzügigkeit.
Und dann ging das Programm los, und sie schreibt:
Mit ungläubigem Staunen vernahm ich von dem die Retraite leitenden Pfarrer die Worte des Propheten Jesaja:
"Siehe, ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde; man wird der früheren Dinge nicht mehr gedenken, und niemand wird sich ihrer mehr erinnern, sondern man wird sich freuen und jubeln auf ewig, über das, was ich schaffe, spricht Gott, der Herr. Gott wird vernichten den Tod auf ewig. Und abwischen wird er die Tränen von jedem Antlitz."
Das hat sie getroffen:
Das war doch nicht möglich! Hier redete einer davon, daß alles gut werden würde. Und dieser war Gott. War Gott das auch wirklich, dieser Freiheit und Freude verheißende Freund des Menschen? War ich womöglich falsch informiert gewesen oder durch Vorurteile verblendet, wenn ich bisher geglaubt hatte, Christsein verlange in erster Linie Einschränkungen und ein Opfer der Lebensfreude? Da hörte ich nun, daß man auf ewig sich freuen und jubeln würde, daß Gott den Tod auf immer vernichten und alle Tränen von jedem Antlitz abwischen würde.
Tief erschüttert ging sie dann in ihr Zimmer. Dort las sie folgende Worte:
"Gott hat dich hierher gerufen. Du suchst Gott, aber Gott ist dir in deinem Suchen zuvorgekommen; er hat dich gesucht, ehe du angefangen hast, ihn zu suchen."
Daß Gott ihr im Suchen zuvorgekommen ist, daß er auf sie gewartet hatte, all die langen Jahre, darauf konnte sie nur antworten, indem sie in die Knie ging. Und sie beschreibt, was Gottes Reden bei ihr auslöste:
Nie hatte ich vorher auf den Knien gebetet, mich überhaupt vor jemandem oder etwas wirklich gebeugt. Nein, ich hatte mein Leben fest in der Hand gehalten, mich nur auf mich selbst verlassen, alles immer selbst geplant, selber nein oder ja gesagt; ich selbst hatte doch auch diese Retraite beschlossen! Aber doch war mir hier einer zuvorgekommen, hatte mich gesucht, ehe ich ihn suchte. Weshalb tat er denn das? Und es kam mir die überwältigende Erkenntnis, daß er es nur tat, weil er mich liebte. Nur jemand, der wirklich liebt, kann so geduldig warten, ohne zu fordern, bis die geliebte Person ihn endlich bemerkt. Dieses Begreifen von Gottes Liebe und das Gewahrwerden meiner Blindheit angesichts seiner Güte und Treue, sie führten zu einer Erschütterung, die die letzten Wälle brach, die ich um meine Person aufgebaut hatte und die an diesem Tag nach und nach ins Wanken gekommen waren. Mein altes, selbstsüchtiges Ich
eben, eine dieser anderen Stimmen, die nur versklavt und unfrei macht
Mein altes, selbstsüchtiges Ich mußte zerbrochen, der Trotz aufgegeben werden, damit das neue Leben einfließen konnte. Ich breitete meine Not vor Gott aus. Sein Wort »Siehe ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde ...« war seine Antwort: Gott schafft auch ein neues Herz! Ich bin neu geworden an jenem Tag! Ich hatte nicht eine neue Theorie über die Wahrheit gefunden, sondern die Wahrheit selbst – Jesus Christus! Er lebt. Er ist mein Bruder. Er hat mich befreit von der Bürde meiner Vergangenheit!
Am Abend ging Yvette zwar ganz erschöpft, aber beflügelt nach Hause. Sie wußte, daß sie frei war.
Das finde ich eindrücklich, wie sie an diesem Tag die eine Stimme hörte und sich nun das ganze Stimmengewirr, das sie so orientierungslos machte, klärte. Das hat sich bei ihr konkret so ausgewirkt. Sie schreibt:
Ich fühle mich jetzt auch zwischen Abgründen - sicher an Gottes Hand. Es fällt mir leichter, den Nächsten zu lieben, und zwar den Nächsten hier bei mir: Familienmitglieder, Nachbarn, Kollegen. Ich habe gemerkt, daß Gott keinen Unterschied macht zwischen Ausgeflippten und Langweilern, Armen und Reichen, Ost und West. Er macht keine Kategorien, weil er das Herz ansieht. Seine Liebe ist trotzdem nicht anonym und gleichgeschaltet. Sie umfaßt jeden Menschen einmalig und ganz. Er schenkt sie allen, die dafür offen sind. Er befreit sie zu wirklicher Hingabe an alle Nächsten, die Fernen und die Nahen. Darum möchte ich verfügbar sein und mein Geld, meine Arbeit, Freizeit und Talente in Gottes Dienst stellen, also in den Dienst am Mitmenschen.
Jesus hat Yvette befreit zum Dienst an den Mitmenschen. Jetzt ging es ihr nicht mehr in erster Linie um sie selbst, sondern um den andern. Jene lügnerische Stimme, die sagte: 'Pass nur auf, dass du nicht zu kurz kommst', hatte ihre Macht verloren. Dafür hatte sie gelernt, auf die befreiende Stimme des guten Hirten zu hören, der sagt: "Ich gebe ihnen ewiges Leben. Sie werden niemals zugrunde gehen, und niemand wird sie meiner Hand entreissen" (Joh 10,28). An dieser Stimme hielt sie fest.
"Wir hören viele Worte, nur eines bleibt bestehn! Gib uns du das gute Wort, das uns retten wird." So heisst es im eingangs genannten Lied. Das ist meine Hoffnung und meine Bitte für diesen Gottesdienst, dass wir alle im Gewirr der Stimmen Gottes Reden hören, dass sein Wort unsere Herzen trifft und erneuert und dass wir dieses freimachende und erneuernde Wort festhalten.
Amen.
Stefan Zürcher, Pfr. - 21. Mai / 25. Juni 2006
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